Politik : Trotz verstärkter russischer Offensive gegen Grosny keine Verschiebung der Frontlinien

Erbitterter Widerstand der tschetschenischen Kämpfer hat den Plan der russischen Streitkräfte vereitelt, die Hauptstadt Grosny am Neujahrstag einzunehmen. Trotz eines heftigen Bombardements durch Tiefflieger und ständiger Beschießung durch russische Artillerie gab es zum Jahreswechsel keine wesentlichen Verschiebungen der Frontlinien. Das russische Militärkommando warf den Tschetschenen den Einsatz von Giftgas vor. Der neue amtierende Präsident Wladimir Putin bekräftigte bei einem Truppenbesuch in Tschetschenien die Strategie seines zurückgetretenen Vorgängers Boris Jelzin.

In mehreren Wellen bombardierten Tiefflieger am Neujahrstag das Zentrum von Grosny. Die Artillerie verstärkte ihr Trommelfeuer von den umliegenden Bergen. Teile der bereits weitgehend zerstörten Stadt standen in Flammen. Das massive Bombardement schockierte die schätzungsweise 40 000 in der Stadt zurückgebliebenen Bewohner. "Die Flugzeuge waren wie Schlangen, sie zogen immer wieder über uns hinweg", sagte ein 62-jähriger Mann. Eine ältere Frau sagte: "Es gab keine Möglichkeit, sich auszuruhen. Sie haben die ganze Nacht gebombt."

Russische Offiziere sagten, ihre Truppen hätten sich weiter dem Stadtzentrum genähert. Doch waren in Grosny keine Hinweise auf Verschiebungen der Frontlinien erkennbar. Ein tschetschenischer Offizier erklärte, seine Kämpfer hielten ihre Positionen. "Die Bundestruppen sind keinen einzigen Meter voran gekommen", sagte der Kommandeur der tschetschenischen Verteidigungseinheiten, Chamsat Gilajew.

Die russische Militärführung warf den Tschetschenen vor, in der Nacht zum Sonntag mehrere selbst gefertigte Giftgasbomben mit Chlor und Ammoniak gezündet zu haben. Daraufhin sei eine Gaswolke über die Stadt gezogen, meldete die amtliche Nachrichtenagentur ITAR-TASS. Den russischen Soldaten sei kein Schaden zugefügt worden.

Im Süden der Kaukasusrepublik nahmen die russischen Truppen am Sonntag nach eigenen Angaben eine strategisch wichtige Berghöhe am Rand der Rebellenhochburg Wedeno ein. Damit wird der Einsatz schwerer Artillerie gegen Wedeno möglich. Der russische Generalmajor Wadim Timtschenko erklärte, in den Kämpfen seit Freitag seien mehrere tschetschenische Feldkommandeure getötet worden. Insgesamt seien 89 Rebellen gefallen, wurde er von der Nachrichtenagentur Interfax zitiert. Die russischen Truppen hätten acht Soldaten verloren. Nach russischen Militärangaben griffen Kampfhubschrauber und Bodentruppen auch im Osten und Süden des Landes Rebellenstellungen an. Bis Sonntag seien innerhalb von 24 Stunden etwa 100 Kampfeinsätze im Süden geflogen worden, hieß es.

Dem Krieg sind nach Einschätzung von Beobachtern bislang weit mehr Menschen zum Opfer gefallen als offiziell angegeben. In Militärkreisen verlautete, die tatsächlichen Zahlen seien zwei bis drei Mal so hoch wie bisher angegeben. Das Moskauer Verteidigungsministerium spricht bisher von 600 getöteten und mehr als 1600 verwundeten Soldaten. Nach tschetschenischen Angaben wurden seit Beginn der Offensive rund 300 eigene Kämpfer getötet; Moskau spricht hingegen von etwa 7000 Toten. Im Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 wurden 30 000 bis 100 000 Menschen getötet.

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