Truppenreduzierung : Streichkonzert im Norden

Vor allem Schleswig-Holstein muss mit einer großen Truppenreduzierung rechnen – und Ministerpräsident Peter Harry Carstensen mit Kritik

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Weggetaucht. Die Marine verabschiedet sich aus Eckernförde. Foto: dapd Foto: dapd
Weggetaucht. Die Marine verabschiedet sich aus Eckernförde. Foto: dapdFoto: dapd

Kiel - In Schleswig-Holstein war man darauf gefasst gewesen, dass die Bundeswehrreform schwerwiegende Veränderungen mit sich bringen würde. Dass diese aber so hart ausfallen würden, damit hatte niemand gerechnet. Im Vergleich muss das nördlichste Bundesland mit der zahlenmäßig intensivsten Truppenreduzierung leben, wenn nunmehr insgesamt 11 000 von etwa 27 000 militärischen und zivilen Dienstposten wegfallen.

Acht Standorte werden geschlossen. Die Auflösung zweier Bataillone aus Boostedt (Kreis Segeberg) kommt allerdings faktisch einer weiteren Standortaufgabe gleich, denn von jetzt noch 1980 Soldaten und Zivilkräften bleiben gerade mal 40 in einem Munitionsdepot erhalten. Das nur fünf Kilometer entfernte Neumünster verabschiedete sich 2004 als Garnisonsstadt und büßte nach Schließung von drei Kasernen in elf Jahren rund 7000 Dienstposten ein. Jetzt steht ein gewaltiger Umbruch in unmittelbarer Nachbarschaft bevor, mit Auswirkungen auch auf Handel und Gewerbe. Neumünsters Oberbürgermeister Olaf Tauras (parteilos) befürchtet zudem negative Folgen für den Katastrophenschutz. Er hofft auf eine erfolgreiche Konversion, doch Boostedts Bürgermeister Rüdiger Steffensen ist skeptischer. Er macht darauf aufmerksam, dass seit den letzten Reformen 40 ehemalige Bundeswehr-Objekte in Schleswig-Holstein noch immer nicht anderweitig genutzt werden.

Groß ist auch der Schock in Glücksburg wegen des Wegfalls des Flottenkommandos und der knapp 1000 Bediensteten. Für viele wird die neue Dienststelle Rostock heißen. Auch die Stadt Kiel sieht sich als Verlierer, muss sie doch beispielsweise das Marine-Arsenal und große Verwaltungsteile abgeben. Insgesamt fallen in der Landeshauptstadt 1700 Stellen weg.

Großer Unmut herrscht im ostholsteinischen Lütjenburg. Dort soll die Schill-Kaserne schließen – 830 Dienststellen sind betroffen. „Wir können nicht glauben, dass dies schon das letzte Wort gewesen sein soll“, sagt Stadtreferent Stefan Leyk. Noch vor einem Jahr habe man 10 000 Unterschriften für den Erhalt des Standortes gesammelt. Er mag noch nicht an die Folgen für den 5400-Einwohner-Ort denken, wo in sechs Kitas jedes dritte Kind einen Elternteil in der dortigen Kaserne hat. Leyk ist sauer auf die Landesregierung, denn Bundesländer wie Bayern und Niedersachsen hätten offenbar viel mehr Gewicht auf Bundesebene und dieses auch ausgespielt.

Ähnlich sieht das Andreas Breitner, stellvertretender SPD-Landesvorsitzender und Bürgermeister von Rendsburg. In seiner Nähe sollen die Hugo-Junkers-Kaserne aus Alt Duvenstedt und der Fliegerhorst Hohn (zusammen fast 1800 Dienststellen) geschlossen werden. Beide Standorte beherbergen das Lufttransportgeschwader 63, das sich nun ins niedersächsische Wunstorf orientieren soll. Breitner kritisiert vor allem Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU). Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) habe besser verhandelt und etwa seine Zustimmung zu Steuerentlastungsgesetzen mit dem Bestandsschutz für Bundeswehreinrichtungen verknüpft. Dieter Hanisch

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