• Tschetschenen bitten Russland um Verlängerung des Ultimatums - IWF stoppt Kreditauszahlung an Moskau

Politik : Tschetschenen bitten Russland um Verlängerung des Ultimatums - IWF stoppt Kreditauszahlung an Moskau

In der tschetschenischen Hauptstadt Grosny sind am Dienstag mehr als 40 000 Menschen unter Dauerbeschuss eingeschlossen gewesen. Flüchtlinge widersprachen offiziellen russichen Angaben, wonach Zivilisten über einen sicheren Korridor die Stadt verlassen könnten. "Die ganzen Keller sind voll mit Menschen, die sich nicht auf die Straße trauen", sagte einer von ihnen. Der russische Fernsehsender ORT bestätigte, zunächst sei kein einziger Tschetschene über den angekündigten Korridor in Perwomajskoje eingetroffen. Die Armee bombardierte die ohnehin fast ganz zerstörte Hauptstadt weiter und beschoss strategisch wichtige Orte in der Umgebung. Russlands Regierungschef Wladimir Putin reagierte scharf auf Kritik der USA und der EU und forderte den Westen auf, lieber Einfluss auf Grosny zu nehmen. Nato-Generalsekretär George Robertson äußerte überraschend Verständnis für das Vorgehen Moskaus in Tschetschenien. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Freigabe einer seit langem ausstehenden Millionen-Kreditrate an Russland erneut um mehrere Wochen verschoben.

Der IWF habe die Freigabe der Tranche suspendiert, weil die russische Regierung das mit dem Währungsfonds vereinbarte Wirtschaftsprogramm nicht vollständig umgesetzt habe, meldete die Nachrichtenagentur Interfax am Dienstag unter Berufung auf IWF-Kreise in Moskau. Vizepremier Viktor Christenko sprach hingegen von einer politisch motivierten Maßnahme. Den wahren Grund sieht Moskau in der westlichen Ablehnung des Tschetschenien-Kriegs.

Tschetschenische Zivilisten riefen die russischen Militärs auf, das Ultimatum an die Bevölkerung zum Verlassen der Hauptstadt über das Wochenende hinaus zu verlängern. Die Flugblätter mit dem Aufruf zur Flucht hätten die meisten in Verstecken ausharrenden Menschen überhaupt nicht erreicht. Nach Ansicht des inguschetischen Präsidenten Ruslan Auschew droht Tausenden der Tod, wenn die Russen am Wochenende ihre Drohung wahr machen. Moskau hatte zuvor bestätigt, dass sich vermutlich noch rund 40 000 Menschen in Grosny aufhalten.

Die russische Militärführung hatte am Vortag alle Menschen in Grosny aufgefordert, bis zum 11. Dezember zu fliehen. Ansonsten würden sie wie "Terroristen" behandelt und "vernichtet". Als Reaktion auf das weltweite Entsetzen über das Ultimatum bezeichnete der Befehlshaber der russischen Streitkräfte im Nordkaukasus, Viktor Kasanzew, die Frist als lediglich "gut gemeinte Warnung" an friedliche Zivilisten, vor den zunehmend heftigeren Luftangriffen zu fliehen.

Die Hauptstadt stand am Dienstag laut russischen Soldaten unter heftigem Raketenbeschuss. "Manchmal feuern wir aus sechs Raketenwerfern gleichzeitig", sagte ein russischer Soldat im südwestlich von Grosny gelegenen Alchan Jurt einem Reporter. Die heftigsten Kämpfe lieferten sich Rebellen und Armee weiter um Urus-Martan im Südwesten, wo sich nach Moskauer Angaben 1500 Rebellen verschanzt hielten.

Putin wies die Kritik von US-Präsident Bill Clinton und den EU-Außenministern am Dienstag zurück. Der Westen solle "seinen Einfluss" nutzen, um gegen die tschetschenischen "Banditen" vorzugehen, statt nur Druck auf Moskau auszuüben. Allerdings bekundete Nato-Generalsekretär Robertson am Dienstag Verständnis für das Vorgehen. Moskau habe nach den Geiselnahmen der vergangenen Zeit "keine andere Möglichkeit gehabt, als die Ordnung in diesem Teil des Kaukasus wiederherzustellen", sagte Robertson der belgischen Zeitung "Le Soir" (Dienstagsausgabe).

Dagegen warnte Clinton Moskau vor schwerwiegenden Konsequenzen des Feldzuges: Moskau werde für den Krieg "teuer bezahlen", sagte er am Montag. Die russische Führung versinke "immer tiefer in einem Morast" und das werde eine "Intensivierung des Extremismus" zur Folge haben. Auch die Außenminister der Europäischen Union verurteilten das russische Ultimatum. Die britische Regierung erhöhte am Dienstag den Druck auf Russland, indem es den Botschafter Juri Fokin einbestellte.

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