Türkei : Die Kuh Gülsüm und die Heilige Kuh der Türken

Die Zerstörung einer Atatürk-Büste führt zu Verwicklungen in einem anatolischen Dorf. Schuld hat die Milchkuh Gülsüm.

Susanne Güsten

Alles fing damit an, dass Bauer Gül Kilinc aus Südostanatolien eines Morgens vor wenigen Wochen seine Milchkuh Gülsüm aus dem Haus führte, um sie zum Grasen zu bringen. Gülsüm riss sich los, trabte durch das Dorf Kadirusagi bei Malatya und suchte schließlich auf dem Schulhof nach frischem Gras. Aus bisher ungeklärten Gründen kam Gülsüm dabei der obligatorischen Büste des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk auf dem Schulhof zu nahe. Die Gips-Büste stürzte vom Sockel und zerbrach. Seitdem ist für Bauer Kilinc nichts mehr, wie es vorher war.

Als Kilinc, der seiner Kuh nachgelaufen war, an der Schule ankam, erzählten ihm die Kinder, was geschehen war. Von Angst gepackt, verkaufte der Bauer seine Kuh sofort unter Preis an einen Bekannten in einem Nachbardorf. Denn die Behörden starteten eine groß angelegte Untersuchung, ließen die Dorfbewohner verhören und beautragten sogar einen Sonderinspektor: Er soll herausfinden, wer für die Zerstörung der Atatürk-Büste verantwortlich war.

„Man sagt, wir würden auch dann bestraft, wenn alles unabsichtlich geschehen sein sollte“, sagte der verängistigte Bauer der türkischen Presse. Seine Unruhe ist nicht unbegründet. Seit 1951 wird das Andenken an Atatürk, der nach dem Ersten Weltkrieg aus den Trümmern des untergegangenen Osmanischen Reiches die moderne Türkei schuf, mit einem Sondergesetz geschützt. Und darin heißt es, dass jeder, der eine Büste von Atatürk zerstört, bis zu fünf Jahre ins Gefängnis wandert – und dass Komplizen genauso behandelt werden wie die Haupttäter.

Dass das Missgeschick einer Milchkuh eine solche Aufregung verursachen und einem unbescholtenen Bürger wie dem Bauer Kilinc so viel Angst einjagen kann, zeigt nach Ansicht von Beobachtern die Absurdität der Verehrung der offiziellen Türkei für Atatürk. „Damit, wie Atatürk gesehen und wie mit der Erinnerung an ihn umgegangen wird, stimmt etwas nicht“, sagt Sahin Alpay, ein Istanbuler Politik-Professor und Zeitungskolumnist. „Natürlich war er ein großer Mann, aber das war doch in einem anderen Zeitalter, vor fast hundert Jahren.“

Atatürk ist in der Türkei auch heute noch allgegenwärtig. Denkmäler und Büsten von ihm finden sich auf allen Schulhöfen des Landes und auf dem kleinsten Dorfplatz. Seine Bild hängt in allen Amtssuben und ziert alle Geldscheine, seine Wahlsprüche finden sich im Parlament und sogar auf Berghügeln, wo sie in Riesenlettern erscheinen. „Das ist ja wie bei Lenin“, sagt ein Istanbuler Geschäftsmann. „Das muss sich ändern.“

Die türkische Justiz reagiert empfindlich auf alles, was nach Atatürk-Lästerei aussieht. Im vergangenen Jahr wurde der Politologe Atilla Yayla zu 15 Monaten Haft verurteilt, weil er bei einer Podiumsdiskussion gesagt hatte, Atatürks Regierungszeit als erster Präsident der Republik sei nicht so fortschrittlich gewesen wie allgemein angenommen.

Die Episode um die Kuh Gülsüm zeigt aber auch, dass der an den Faschismus und den osteuropäischen Sozialisums erinnernden Personenkult um Atatürk von der türkischen Bevölkerung offenbar weit weniger ernst genommen wird, als es die offizielle Ideologie vorsieht. Denn seit Gülsüm in ihrer neuen Heimat im Dorf Inekpinar – zu Deutsch: Kuhquelle – angekommen ist, hat sie sich zu einer Art Besuchermagnet entwickelt.

Türken aus anderen Gegenden des Landes kommen ins Dorf, um sich mit der Kuh fotografieren zu lassen. Gülsüms neuer Besitzer Ömer Ates berichtete von telefonischen Anfragen nach Gülsüms Milch, die inzwischen fast dreimal so viel kostet wie normale Milch. Auch ihr Käse ist begehrt. Inzwischen ist Gülsüm glückliche Mutter eines gesunden Kalbes geworden. Ates hat nach eigenen Angaben auch schon viele lukrative Angebote von potenziellen Käufern für die Kuh erhalten. „Aber ich denke nicht dran, zu verkaufen“, sagt er.

Unterdessen sind die Behörden bei ihren Nachforschungen in Kadirusagi zu dem vorläufigen Schluss gelangt, dass Atatürk tatsächlich von einer Kuh, und nicht von einem Menschen, vom Sockel gestürzt worden ist. Die Büste selbst ist inzwischen durch eine neue ersetzt worden, aus Metall. Das zerbricht schließlich nicht so leicht.

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