Politik : Türkischer Ex-Premier Ecevit ist tot

Susanne Güsten

Istanbul - Der türkische Ex-Premier Bülent Ecevit hat die Politik seines Landes ein halbes Jahrhundert lang entscheidend mitbestimmt – mit dem Tod des 81-Jährigen nimmt die Türkei Abschied von ihrer Vergangenheit. Während Medien und Politiker aller Parteien das Lebenswerk des fünfmaligen Ministerpräsidenten würdigen, empfinden vor allem jüngere Türken ganz anders. „Ich habe getanzt, als ich von seinem Tod gehört habe“, sagt ein 37-jähriger Geschäftsmann in Istanbul. Wie andere Kritiker verweist er darauf, dass die Türkei in der Ära Ecevit in einen Rückstand geriet: „Jetzt entwickelt sich die Türkei, aber das hätte viel früher passieren müssen.“

Die meisten Türken von heute kennen keine Türkei ohne Ecevit. Als der damals 32-jährige Politiker 1957 zum ersten Mal ins Parlament gewählt wurde, war der heutige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan drei Jahre alt. Nur wenige Monate nach dem Beginn seiner ersten Amtszeit als Regierungschef 1974 gab Ecevit nach einem Putsch griechischer Nationalisten auf Zypern den Befehl für die türkische Militärintervention auf der Insel. Wie sein konservativer Erzrivale Süleyman Demirel wurde Ecevit als Chef der Linken nach dem Putsch der Militärs 1980 interniert. Sein Comeback als Ministerpräsident ließ bis 1999 auf sich warten. In diese Zeit fielen die Festnahme von PKK-Chef Abdullah Öcalan und die offizielle Ernennung der Türkei zum EU-Beitrittskandidaten. Die Wirtschaftskrise von 2001 leitete das Ende seiner Karriere ein.

Ein Mann der Moderne war Ecevit nicht: Er lehnte 1978 einen Antrag auf Mitgliedschaft der Türkei in der damaligen EG ab, und er wandte sich lange gegen einen Abbau des Staatsanteils in der Wirtschaft. Am Ende seiner Karriere wurde Ecevit als schwer kranker Greis zur Verkörperung der politischen Lähmung in Ankara.

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