Turboradikalisierung : Das (Un-)Wort der Stunde

Zwischen Müsli und Pokémon-Jagd mal kurz radikal werden? Möglicherweise ein grausames Missverständnis. Eine Glosse

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Schon 1989 wollten die Berliner Alternative Liste/Grüne es etwas langsamer. Sie konnten sich nicht durchsetzen.
Schon 1989 wollten die Berliner Alternative Liste/Grüne es etwas langsamer. Sie konnten sich nicht durchsetzen.Foto: Paul Glaser/dpa-p.a.

Eine Groß- und Haupterkenntnis über unsere Zeit lautet: Sie hat es furchtbar eilig. Wir wechseln die Wohnungen schnell und die Lebenspartner schneller, der Beruf wird längst allmorgendlich dem aktuellen Bedarf angepasst. Nach dem Runterschlingen des glutenfreien Müslis jagen wir rasch ein paar Pokémon-Monster, legen auf dem Weg zum Büro noch mit rauchenden Reifen eine Profilierungsfahrt hin und hetzen dann, getrieben von Myriaden von Mails, von einem Meeting zum nächsten.

In diesem Zusammenhang stellen die Berliner Bürgerämter eine letzte Bastion des Widerstands dar, einen Bremsklotz gegen die Raserei des Alltags – aber das nur am Rande. Ich wollte eigentlich auf sprachliche Fragen der Beschleunigung zu sprechen kommen, wie sie am Beispiel der Radikalisierung junger Attentäter sichtbar werden. Vorbei sind die Zeiten, als ein werdender Überzeugungsmörder bis zum Erbrechen Bakunin lesen musste, in düsteren Kellern das Bombenlegerhandwerk lernte und schließlich, von der Gicht gepeinigt, ohne ein einziges Opfer in die Anarchistenrente geschickt wurde.

Heute dagegen sprechen wir von der Blitz- oder Turboradikalisierung, die den Betreffenden praktisch zwischen Zähneputzen und Frühstück trifft. Irgendwer schreibt im Internet Müll, aber die naheliegende Reaktion („Was ist das denn für ein Müll?“) wird unterdrückt zugunsten des Drangs, unverzüglich ein paar Ungläubige umzubringen. „Blitz“ steht für ganz schnell, „Turbo“ für noch schneller, fraglich, was die nächste Stufe sein könnte, „Hyper“ vielleicht oder „Überdrüber“?

Das Wort der Stunde aber lautet eindeutig „Turbo“. Vermutlich ist es kein Zufall, dass die betrügerischen Dieselmotoren weltweit mit Turboladern befeuert werden. Das sind, vereinfacht, Geräte, die aus schlechten Abgasen Schwung beziehen, um oben gute Frischluft in den Motor zu pusten. Dieser Vorgang der Maximalbeschleunigung aus sich selbst heraus versinnbildlicht die neue Schnelligkeit so griffig, dass das Wort zum Kennzeichen wurde.

Wer den Begriff googelt, der landet 570 Millionen Treffer, das ist etwa viermal so viel wie bei „Gott“, es scheint sich also um eine wichtige Sache zu handeln. Turbo ist, wie man dort lernt, auch eine Schneckengattung, und möglicherweise ist das alles ein grausames Missverständnis. Mit Radikalisierung im Schneckentempo, also wie damals bei den Anarchisten, wäre die Welt ein ganzes Stück besser dran.

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