TV-Duell : Interpretationssache

Nach dem TV-Duell in den USA bemühen sich Obama und McCain, ihre Sicht durchzusetzen. Für die Republikaner wird es am Donnerstag heikel: Dann ist Sarah Palin dran.

Christoph von Marschall[Washington]
TV-Duell
Nach der Redeschlacht Umarmung der Rivalen John McCain (l.) und Barack Obama. -Foto: dpa

Ihr Urteil, wer eine Präsidentschaftsdebatte im Fernsehen gewonnen hat, treffen Amerikas Wähler nicht aus Anschauung des Gesprächsverlaufs. Forscher sagen, selbst die Meinung der vielen Millionen, die zugesehen haben, bildet und verfestigt sich erst in den Tagen danach unter dem Eindruck, wie die Medien berichten und was Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen sagen. Der Demokrat Al Gore, zum Beispiel, habe 2000 nicht die Debatte gegen George W. Bush verloren, sondern den Kampf um die Interpretation. Es setzte sich die Darstellung durch, er habe professoral-langweilig gewirkt.

So bemühten sich John McCain und Barack Obama am Sonnabend und Sonntag, ihre Sicht durchzusetzen. Parallel richteten sich die Blicke bereits auf die Fernsehdebatte der beiden Vizepräsidentschaftskandidaten, Sarah Palin und Joe Biden, am Donnerstag in St. Louis, Missouri. Die anfängliche Begeisterung der Konservativen über Palin ist abgekühlt, seit die Finanzkrise zum beherrschenden Thema geworden ist und Palin in zwei ihrer bisher nur drei TV-Interviews gepatzt hat.

McCain betont nun, sein demokratischer Rivale weigere sich, den Sieg der US-Soldaten im Irak nach der erfolgreichen Truppenverstärkung anzuerkennen. Obama hielt dem Republikaner bei Wahlkampfauftritten am Wochenende vor, er habe in dem Streitgespräch kein einziges Mal über die Mittelklasse oder die Interessen der Arbeiter gesprochen.

Bereits während der Debatte in der Universität von Mississippi hatten Helfer beider Wahlkampfteams Journalisten im angrenzenden „Spin Room“ mit ihren Hinweisen bearbeitet. Parallel sandten Tausende Blogger ihre Kommentare an die Medien und antworteten auf die Darstellung des gegnerischen Lagers.

An jenem Abend waren die Kommentatoren vorsichtig mit Urteilen, fast alle sprachen von einem Unentschieden. Obama habe bei den Fragen zur Wirtschaftskrise souveräner und selbstsicherer gewirkt, McCain seine Erfahrung in den Passagen zur Außen- und Sicherheitspolitik ausgespielt. Angemerkt wurde auch, der Republikaner sei über den Namen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gestolpert und habe Pakistans neues Staatsoberhaupt „Qadari“ genannt. Der Mann heißt Ali Zardari.

Am Sonnabend und Sonntag waren dann die unterschiedlichen Umgangstöne der beiden Kandidaten das stärkere Gesprächsthema. Drei Blitzumfragen hatten Obama zum Debattensieger erklärt. Dabei war er viel defensiver aufgetreten. McCain wirkte bei vielen Schlagabtauschen entschiedener, immer wieder hielt er Obama vor, der verstehe den Kern der Konflikte vom Kaukasus bis Pakistan nicht und könne Taktik nicht von Strategie unterscheiden. Der Demokrat hatte den um 25 Jahre älteren McCain respektvoll behandelt und sogar mehrfach gesagt: „John hat Recht …“ Das sei ein Fehler, meinten Kommentatoren. McCain könne die Zitate in Werbevideos nutzen.

Doch die Aggressivität des Republikaners ging vielen Amerikaner offenbar zu weit. Als Argument gilt weniger, dass McCain Obama die Fähigkeit zum Präsidentenamt absprach: „Ihm fehlen das Wissen und die Erfahrung.“ Kritisiert wird vielmehr, der Republikaner habe den Demokraten fast nie angeschaut und damit arrogant gewirkt. Obama sei präsidial aufgetreten, weil er die Gegenseite nicht verdamme. Im Rückblick auf die Woche schreiben Sonntagsblätter, das Kopf-an- Kopf-Rennen habe sich in einen Vorsprung für Obama verwandelt, vor allem weil McCain keine überzeugende Antwort auf die Finanzkrise gebe.

Die Vizepräsidentschaftsdebatte am Donnerstag gilt nun als neues Risiko für die Republikaner. Sie hatten die Nominierung Sarah Palins vor vier Wochen enthusiastisch gefeiert. Die fotogene Gouverneurin von Alaska schien eine optimale Antwort auf den Medienstar Obama zu sein. Ihre erzkonservativen und religiösen Überzeugungen versöhnten den rechten Parteiflügel, der McCain zu moderat findet. Es hat sich gezeigt, dass Palin Erfahrung bei zentralen nationalen und weltpolitischen Themen fehlt. Sie wird abgeschirmt und von Fachleuten im Umgang mit Medien trainiert. In den vier Wochen hat sie noch keine Pressekonferenz abgehalten. Zwei ihrer drei TV-Interviews trugen ihr Spott in populären Unterhaltungsshows ein. Zur Frage nach ihrer außenpolitische Kompetenz hatte sie gesagt, von ihrem Zuhause in Alaska könne man Russland sehen.

http://www.cbsnews.com/stories/2008/09/25/eveningnews/main4479062.shtml

http://www.nbc.com/Saturday_Night_Live/video/clips/palin-hillary-open/656281/

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