Politik : Übermorgen ist auch noch ein Tag - Zuviele Blicke zurück, zu feige nach vorn (Kommentar)

Robert Leicht

Das Jahr geht zuende, das Jahrzehnt, das Jahrhundert, das Millenium: Geht alles zuende? Diese Frage stellt sich offenbar niemand im Ernst. Dabei gehörte gerade das Gefühl, in einer Endzeit zu leben, bisher zu jeder Form des Millenarismus. Wir schauen heute und heutzutage am liebsten zurück. Was hat sich in den zehn Jahren seit dem Mauerfall und dem Völkerfrühling von 1989 getan? Was kennzeichnete das zurückliegende Jahrhundert? Und wie ließe sich das zweite Jahrtausend resümieren? - Vor lauter Versuchen der klärenden Einordnung in allen Medien, kommt man übrigens ganz schön durcheinander.

Die Blickrichtung des echten Millenaristen freilich wendet sich nicht zurück, sie richtet sich ausschließlich nach vorn - und zwar weit nach vorne. Diese Blickrichtung ist uns säkularisierten Zeitgenossen offenbar abhanden gekommen. (A propos Säkularisierung: Ist es nicht merkwürdig, dass auch dieser Zeitbegriff, nämlich der Begriff für ein Jahrhundert, das seiner Spannung weithin verlustig gegangen ist - gewissermaßen selber säkularisiert, völlig verweltlicht wurde?)

Jedenfalls blicken wir mächtig zurück - und eher ohnmächtig nach vorne. Was trauen wir der Zukunft denn noch zu? Gewiss, es gibt viele Gründe, den utopischen Optimismus, den technokratischen Fortschrittswahn, ja: den menschheitsgeschichtlichen Enthusiasmus überhaupt abzulegen. Ist nicht noch jedes Mal der Versuch, die ort- und zeitlose Utopie, das Nirgendwo und Nie des Ideals ins Hier und Jetzt hinein zu holen, gescheitert in brutalen Diktaturen? Ist nicht jedes Bestreben, die schlechten Verhältnisse nur aus dem einen Grunde zu sanieren, dass doch der Mensch selber an sich gut sei, schließlich verendet in die gewaltsame Bemühung, den neuen Menschen gegen seinen Willen zu erzwingen? Ist nicht der Völkerfrühling von 1989 an vielen Stellen umgeschlagen in den Völkerkrieg - auf dem Balkan, im Kaukasus? Aber führt andererseits die kapitalistische Ratlosigkeit, die Dinge einfach ihrem ökonomischen Selbstlauf zu überlassen, nicht ebenso ins Chaos?

Die Millenaristen mögen sich alle grotesk geirrt haben - ob sie nun auf ein tausendjähriges Reich der Gerechtigkeit vor dem Ende der Welt hofften oder ob sie den Weltuntergang sogleich brutto für netto vorhersahen. Aber sie glaubten wenigstens noch an irgendeine Zukunft, an eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit, wie sonderlich auch immer. Unser Realismus hingegen trägt vernünftige, aber auch ärmliche Züge. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass Umberto Eco in seinem Diskurs mit dem Mailänder Kardinal Martini schrieb, wir feierten das Ende der Ideologien und der Solidarität im Strudel eines unverantwortlichen Konsumismus. Und: "Ich wage nun die Behauptung, dass der Gedanke an ein Ende der Zeiten heute typischer für die Welt der Nichtgläubigen als für die der Christen ist." Eco fährt sodann fort: Die Christen dächten zwar über das Ende der Zeiten nach, verhielten sich aber so, als lasse sich dieses Ende in eine Dimension projizieren, die nicht mit Kalendern zu messen ist. Die Welt der Nichtgläubigen hingegen tue so, als ignoriere sie dieses Ende - und sei doch zutiefst von ihm besessen.

Wie dem auch sei - wer über die Zukunft (und folglich auch über die Gegenwart) souverän verfügen wollte, der hätte keine. Ob wir nun über das Ozonloch, die Genmanipulation oder die militärische und zivile Nutzung der Kernenergie sinnieren - alles Folgen unserer Absicht, diese Wirklichkeit grenzenlos zu gestalten, weil es eine andere ohnehin nicht gibt: Wer wollte da noch bestreiten, dass der Versuch, die Welt total zu beherrschen - von der Fähigkeit zur genetischen Umzeugung der eigenen Art bis zur Fähigkeit, die gesamte Gattung atomar zu vernichten -, in die totalitäre Hybris abgleiten muss?

Der Blick nach vorn und der Mut zu diesem Blick setzen zweierlei voraus - zum einen das Vertrauen auf die Möglichkeit einer Zukunft nach allen Millenien, zum anderen den Verzicht darauf, die Zukunft im Millenium selbstherrlich zu beherrschen. Wer sich darauf nicht einlassen mag, blickt besser weiterhin und nur zurück, auf Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende - denn besser als heute kann es dann sowieso nicht mehr kommen.

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