Ukraine : Der Winter kommt, das Gas nicht

Weil die Ukraine und Russland sich um offene Gas-Rechnungen streiten, droht vielen Menschen ein kalter Winter. Appelle an die Bürger, sich selbst zu kümmern, verhallen kaum gehört.

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Dieses Anti-Kriegs-Graffiti zeigt einen weinenden ukrainischen Jungen. Demnächst könnten die Ukrainer nicht nur wegen des Krieges Grund zur Sorge haben - sondern auch, weil ihnen das Gas ausgeht.
Dieses Anti-Kriegs-Graffiti zeigt einen weinenden ukrainischen Jungen. Demnächst könnten die Ukrainer nicht nur wegen des Krieges...Foto: dpa

Die Amtsstuben von Oksana und Olga haben eigentlich kaum etwas gemeinsam. Oksana arbeitet als Sekretärin in der Kleinstadt Wyschnewe, einer Randgemeinde der Hauptstadt Kiew. Olga ist Regierungssprecherin und hat ihren Schreibtisch unweit des Präsidentensitzes. Doch beide Frauen heizen ihre Büros derzeit mit elektrischen Radiatoren.

„Die nächste Krise hat uns erreicht“, sagt Oksana, die an ihrem Arbeitsplatz auch eine selbst gestrickte Stola aus dickem Wollgarn trägt. Seit Anfang Oktober steigt die Temperatur am Tag nicht über 14 Grad, in der Nacht hat es bereits Frost gegeben. Auch Olga trägt zusätzlich zu ihrem eleganten schwarzen Blazer einen Überwurf aus Wolle. Im Gegensatz zu Oksana zeigt sie sich optimistisch und geht davon aus, dass spätestens Anfang November die Heizsaison beginnt.

Eigentlich müssten die Heizungen in der gesamten Ukraine längst warm sein. Doch der russische Energieriese Gazprom hat die Erdgaslieferungen an die Ukraine im Juni eingestellt. Der Grund ist ein Streit um nicht beglichene Rechnungen. Russland spricht von offenen Forderungen von mehr als vier Milliarden Euro, die ukrainische Seite beziffert ihre Gasschulden gegenüber Moskau auf 2,7 Milliarden. Trotz intensiver Bemühungen der EU hat es in den vergangenen Monaten keine Lösung im Streit um die Zahlungen gegeben. Jetzt droht der Ukraine neben der politischen Krise mit Russland auch noch eine verschärfte wirtschaftliche Auseinandersetzung.

So Ukraine hätte ihre Speicher füllen sollen, so der Gazprom-Chef

Der Chef des russischen Energiekonzerns Gazprom, Alexej Miller, hatte Anfang der Woche bekannt gegeben, dass es die Ukraine in den vergangenen Monaten versäumt habe, die Gasspeicher aufzufüllen. „Der Winter in der Ukraine wird kalt“, sagte Miller. In Kiew will man davon nichts wissen. Der Energieversorger der Hauptstadt, Kiewenergo, versprach am Mittwoch, in wenigen Wochen werde die Heizperiode beginnen. Der Chef der Netzabteilung, Jewgenij Gluschjak, wiegelte alle Fragen wegen des immer weiter nach hinten verschobenen Starts der Heizsaison ab. „Wir mussten die Leitungen in diesem Jahr aus Sicherheitsgründen besonders gründlich prüfen,“ sagte der Direktor. Den Kiewer Bürgern ist jedoch bereits vor Monaten gesagt worden, sie sollten für diesen Winter individuelle Maßnahmen ergreifen, damit Wohnungen und Häuser warm werden. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko hatte bei hochsommerlichen Temperaturen für den Einbau von Ölheizungen und elektrischen Heizgeräten geworben. An alle, die ein Landhaus haben, ging der Rat, Holz für den Ofen zu schlagen.

Wer dieser Tage durch die ukrainische Provinz fährt, dem entgeht nicht der Geruch von verbranntem Holz. Vor allem die Hochhaussiedlungen in den Städten hängen jedoch an zentralen Gaswärmesystemen, welche die Sowjetunion überdauert haben. Die Anzahl individueller Energieversorgungsanlagen ist trotz der Appelle und trotz mehrerer Gaskrisen verschwindend gering.

UN: Viele Tote trotz Waffenruhe

Seit der Vereinbarung einer Waffenruhe vor gut einem Monat sind im umkämpften Osten der Ukraine indes nach UN-Angaben mehr als 330 Menschen getötet worden. Dies teilte die UN-Menschenrechtskommission am Mittwoch in Genf mit. Unterdessen wurden aus den Rebellenhochburgen Donezk und Luhansk neue Gefechte gemeldet, bei denen binnen 24 Stunden mindestens sechs Menschen getötet wurden.

Nach Angaben der UN-Menschenrechtskommission wurden seit Beginn der Auseinandersetzungen in der Ostukraine im Frühjahr mindestens 3660 Menschen getötet und 8756 weitere durch die Kampfhandlungen verletzt. Derzeit seien rund 376 000 Menschen auf der Flucht. 40 000 kleine und mittlere Betriebe haben ihre Arbeit eingestellt.

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