Politik : Um Karadzic wird’s einsam

Auch bosnisch-serbische Politiker rücken jetzt von dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher ab

Markus Bickel[Sarajevo]

Der Druck auf den Topangeklagten wächst: Wenige Tage nach der öffentlichen Bitte seiner Frau Liljana, sich freiwillig dem UN-Kriegsverbrechertribunal zu stellen, haben führende ausländische Repräsentanten, aber auch bosnisch-serbische Politiker Radovan Karadzic aufgefordert, dem Fernsehappell seiner Gattin Folge zu leisten. Der Oberkommandierende der EU-geführten Bosnienschutztruppe Eufor, David Leakey, und der US-Botschafter in Sarajevo, David McElhaney, erklärten jetzt gegenüber bosnischen Medien, die Auslieferung des wegen Völkermordes angeklagten 60-Jährigen sei Grundvoraussetzung für die Annäherung Bosniens an die EU.

Auch der Präsident der bosnischen Serbenrepublik, Dragan Cavic, forderte Karadzic am Montag auf, sich der UN-Jusitz zu stellen. Ansonsten werde der frühere Serbenführer festgenommen und ausgeliefert, sagte Cavic in Banja Luka. Ohne diese und die Festnahmen anderer angeklagter Kriegsverbrecher werde die Serbenrepublik „ernsthafte“ politische Probleme haben, warnte er.

Und auch der bosnische Außenminister Mladen Ivanic, der von 2001 bis 2003 als Premierminister an der Spitze der von Karadzic Anfang der neunziger Jahre gegründeten bosnisch-serbischen Republika Srpska (RS) stand, forderte den seit 1995 von Den Haag Gesuchten zur Aufgabe auf. Das würde den Druck von der kleineren bosnischen Teilrepublik nehmen, die von Brüssel für die Nichterfüllung der Kriterien zum Beginn von Verhandlungen über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA) mit der EU verantwortlich gemacht wird. Eine Abkehr weiterer RS-Führungskräfte von ihrem bis heute von vielen als Helden verehrten Expräsidenten ist wahrscheinlich.

Wenige Tage nach der Fernsehansprache Liljana Karadzics halten die Spekulationen über Gründe für den spektakulären Schritt an. Schließlich hatte die Gattin des zuletzt 1997 in der Öffentlichkeit aufgetretenen Dichters und Psychiaters immer ausgeschlossen, ihr Mann könnte sich freiwillig dem Tribunal stellen. Politische Beobachter in Belgrad und Sarajevo gehen davon aus, Karadzic selbst habe den Fernsehauftritt verfügt, um einen möglichen Gang nach Den Haag als „zum Wohle der Familie“ zu begründen. Erst im Juli war sein Sohn Aleksander von Nato-Truppen verhaftet und zehn Tage verhört worden. Von westlichen Geheimdiensten abgefangene Briefe Karadzics an seine Frau, die die Londoner „Times“ im Juni veröffentlichte, belegen, dass die beiden zumindest bis Ende 2002 immer wieder zu geheimen Treffen zusammenkamen.

Zeitungen in Belgrad berichteten derweil, der US-Sonderbotschafter für Kriegsverbrechen, Pierre Prosper, habe ein Abkommen mit Liljana Karadzic abgeschlossen, in dem sie die freiwillige Überstellung ihres Mannes innerhalb von zehn Tagen zugesichert habe. Zum zehnten Jahrestag des Massakers an 8000 muslimischen Männern und Jugendlichen in der ehemaligen UN- Schutzzone Srebrenica war Prosper am 11. Juli mit Serbiens Präsidenten Boris Tadic zusammengetroffen. Diplomatenkreisen zufolge soll es in dem Gespräch um die Auslieferung von Karadzics Armeechef während des Bosnienkrieges zwischen 1992 und 1995, Ratko Mladic, gegangen sein.

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