Umfrage : Afghanische Antwort

Das Ansehen Deutschlands inAfghanistan hat sich verschlechtert. iele Afghanen bewerten die Arbeit der Isaf-Truppe kritischer als vor einem Jahr. Dies geht aus einer Umfrage von ARD und BBC hervor. Wie ist dies zu bewerten?

Martin Gerner
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Demoskopie ist in Afghanistan ein ganz neues Geschäft. Es ist ein problematisches, manchmal sogar ein gefährliches. Komplizierter jedenfalls, als man es aus Deutschland kennt. Afghanische Demoskopen, die ausgerüstet mit Fragebögen in Städten und Provinzen an der Tür klingeln, werden in der Regel mit der Frage konfrontiert, ob sie mit der Regierung zusammenarbeiten oder nicht. Ist Ersteres der Fall, begegnen ihnen die Menschen pragmatisch. Das heißt, es kommt auch schon vor, dass sie antworten, was der Fragende möglicherweise hören will. Die Geschichte der Kriege und verschiedenen Regime, von denen jedes seine eigenen Erhebungen durchgeführt hat, haben sie dies gelehrt. So mag sich auch die überraschend große Zustimmung für Präsident Hamid Karsai in der Umfrage erklären. Drei von vier unterstützen ihn – trotz millionenfacher Wahlmanipulationen und einem realen Wahlergebnis von unter 50 Prozent.

Nun ist die britische BBC selbst den Menschen auf dem Land in Afghanistan seit langem ein Begriff, und die ARD im Schlepptau dürfte von dem positiven Image profitieren. 1554 Afghanen haben sie im Dezember 2009 befragt. Es wäre aber falsch, anzunehmen, die Afghanen bedienten sich der Demoskopie, um ihren Unmut gegen die Regierung und die internationale Staatengemeinschaft zu äußern. Vielmehr zügeln sie ihre Kritik. Denn wer weiß, wozu man die Gunst der Ausländer noch braucht.

Eine gewisse Vorsicht gegenüber der Umfrage ist auch angebracht, weil sie nur ein sehr kleines Zeitfenster betrifft. Ende Dezember war die Erleichterung vieler Menschen real, die Kampfhandlungen deutlich eingeschränkt. Statt befürchteter bürgerkriegsähnlicher Zustände war wieder der neue alte Staatschef im Sattel. Dass Fälschung und Intervention eine Rolle bei Karsais vermeintlichem Wahlsieg spielten, haben die Menschen sehr wohl registriert. Aber Ruhe ist ihnen wichtiger, deshalb bewerten sie ihre Situation auch insgesamt positiver.

Dass das Ansehen Deutschlands abnimmt, wie es in der Studie heißt, kann nicht wirklich überraschen. Immerhin wurden die Menschen nur wenige Wochen nach dem Angriff auf die beiden Tanklaster befragt, bei dem auch zahlreiche Zivilisten getötet worden waren. In Kundus kann man die Auswirkungen davon tatsächlich spüren. Viele weichen den Bundeswehrsoldaten aus. Deutsche Zivilisten werden zum Teil verdächtigt, für das Militär zu arbeiten. Wenn jetzt wie geplant deutlich mehr US-Militär in die Provinz Kundus verlegt wird, dürfte es noch schwerer für die Deutschen werden, ein eigenes Profil zu bewahren. Denn die USA bleiben Feindbild Nummer eins unter den westlichen Staaten. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in den Provinzen des Nordens und Nordostens, wo die Einsatzgebiete der Bundeswehr liegen, der Anteil derer, die ein positives Bild von Deutschland haben, um elf Punkte auf 63 Prozent gesunken ist. Der Anteil der Afghanen mit einem negativen Bild von Deutschland stieg um 17 Punkte auf 31 Prozent.

Als größte Gefahr für die Afghanen tauchen in der Umfrage jedoch Al Qaida, Taliban und Drogenhändler auf. Kaum eine Bedrohung sind der Studie zufolge lokale Warlords und Machthaber. Faktisch halten sie in vielen Gegenden Afghanistans allerdings die Menschen unter ihrer Kontrolle. Örtliche Bandenchefs und die Korruption staatlicher Behörden auf Provinz- und lokaler Ebene tragen in Wahrheit viel stärker zur Unsicherheit der Menschen bei. Hier wird es wohl vielen Befragten schwergefallen sein, sich wirklich frei zu äußern.

Manche Antworten weisen außerdem gewisse Widersprüche auf. Einerseits werden fast einmütig Taliban und Al Qaida als Ursache der Gewalt ausgemacht. Andererseits bescheinigen 60 Prozent der Befragten der Nato und den USA, ihre Aufgaben schlecht zu erledigen. Offensichtlich hängt beides miteinander zusammen: Nato und die USA haben demnach für die Bevölkerung eine Mitverantwortung für die miserable Sicherheitslage in vielen Gegenden. Außerdem, so die Umfrage, stünde eine 60-prozentige Mehrheit der Afghanen hinter einer befristeten Aufstockung der internationalen Truppen. Doch dies spiegelt wohl vielmehr den Wunsch vieler Afghanen nach verstärkter Ausbildung für die eigene Armee und Polizei wider. Danach könnten die ausländischen Truppen mit ihrem Abzug beginnen.

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