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Umfrage : Pflege für Wähler wichtiger als Umwelt

Ob Fachkräftemangel oder fehlende Qualität in den Heimen: Fast jeder Zweite in Deutschland macht seine Wahlentscheidung im Herbst vom Umgang der Parteien mit dem Thema Pflege abhängig.

Blick in die Heime. 43 Prozent der Bürger orientieren sich bei ihrer Wahlentscheidung am Umgang der Parteien mit dem Thema Pflege.
Blick in die Heime. 43 Prozent der Bürger orientieren sich bei ihrer Wahlentscheidung am Umgang der Parteien mit dem Thema Pflege.Foto: Jens Kalaene / picture alliance / dpa

Die Unzufriedenheit der Deutschen mit der Versorgung pflegebedürftiger Menschen könnte für die Bundestagswahl eine erhebliche Rolle spielen. Bei einer repräsentativen Umfrage, deren Ergebnisse dem Tagesspiegel vorliegen, bezeichnen 43 Prozent der Bürger das Thema Pflege als sehr wichtig für ihre Wahlentscheidung. In der für den Wahlausgang besonders maßgeblichen Altersgruppe der über 50-Jährigen sind es sogar 53 Prozent. Und eine Mehrheit von 55 Prozent ist mit der Pflegequalität hierzulande keineswegs zufrieden.

Der Erhebung zufolge rangiert das Thema damit für die Deutschen noch vor der Besorgnis über fehlenden Umwelt- und Klimaschutz, der Integration von Flüchtlingen und der Situation am Arbeitsmarkt. Die gute Betreuung von Pflegebedürftigen ist für die Befragten genauso maßgeblich die von der SPD jetzt wieder massiv aufs Tapet gebrachte Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Wichtiger für ihre Wahlentscheidung ist ihnen nur noch die Sicherung der Gesundheitsversorgung (51 Prozent), die Bekämpfung von Kriminalität (54 Prozent) und – Spitzenreiter – das Thema Bildung (56 Prozent).

81 Prozent der Wähler interessieren sich für das Thema

Die Studie basiert auf einer anonymen Befragung von mehr als 2000 Erwachsenen im Januar dieses Jahres durch die Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP). Eine deutliche Mehrheit von 81 Prozent geben darin an, am Thema Pflege interessiert zu sein. Dabei handelt es sich keineswegs nur um die Älteren. Bei den über 60-Jährigen bekunden zwar 95 Prozent Interesse, bei den 18- bis 39-Jährigen sind es aber auch 65 Prozent – und zwar unabhängig davon, ob sie im Verwandten- oder Bekanntenkreis selber Pflegebedürftige haben. Ist das der Fall, hat es zusätzlichen Einfluss auf die Gewichtung. In dieser Gruppe bezeichnen sich dann altersübergreifend gleich 70 Prozent als „sehr interessiert“.

Tatsächlich sind hierzulande zehn Millionen Familien von Pflegebedürftigkeit betroffen. Und es werden immer mehr. Der Statistik zufolge sind derzeit 2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig, bis 2030 dürften es 3,5 Millionen sein. Momentan werden 73 Prozent von ihnen zuhause gepflegt. Die Zahl der pflegenden Angehörigen wird auf 4,7 Millionen geschätzt.

Mehrheit ist immer noch unzufrieden mit Versorgungsqualität

Den Menschen brennt das Thema unter den Nägeln. Gut möglich, dass die Regierenden das auch an den Wahlurnen zu spüren bekommen. Zwar haben sie in dieser Legislatur das Dringlichste erledigt und gleich drei Pflegestärkungsgesetze mit teils deutlichen Leistungsverbesserungen über die Rampe geschoben. Doch erstens fühlen sich zwei von drei Bürgern (68 Prozent) über diese Reformen nicht genügend informiert. Und zweitens ist eine Mehrheit mit der Versorgungsqualität nach wie vor unzufrieden. 46 Prozent beurteilen sie als „weniger gut“, neun Prozent sogar rundheraus als „schlecht“. Noch kritischer sind die Befragten mit persönlicher Pflegeerfahrung, hier äußern sich gleich 59 Prozent kritisch.

Den dringendsten Handlungsbedarf sehen die Wähler in den Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. 71 Prozent fordern hier Verbesserungen. Es folgt der Wunsch nach besserer Unterstützung von pflegenden Angehörigen (42 Prozent) und der nach höheren finanziellen Leistungen für Pflegebedürftige (35 Prozent).

Den meisten fehlt persönliche Zuwendung

Angesprochen auf die direkte Versorgung klagen die meisten über zu wenig Zeit für persönliche Zuwendung und Gespräche (68 Prozent). Dass sich die Pflegeprofis stärker um den Erhalt von Selbständigkeit und Mobilität ihrer Schützlinge kümmern, wünschen sich 54 Prozent. Über zu wenig individuelle Berücksichtigung ärgern sich 46 Prozent. Und jeder Fünfte sieht Defizite bei der Linderung von Schmerzen.

Trotz aktueller Leistungsverbesserungen dürfe „niemand glauben, die Herausforderungen in der Pflege seien nun bewältigt“, warnt ZQP-Vorstandschef Ralf Suhr. Bei der Personalausstattung beispielsweise müsse die Politik noch liefern, bei der Transparenz von Pflegequalität ebenso. Bekanntlich musste die Koalition das bisherige Begutachtungssystem kassieren, weil sich die verliehenen Pflegenoten für die Heime als zu viel positiv und zu wenig aussagekräftig erwiesen hatten. Auch einen verbindlichen Personalschlüssel für die Heime soll es nach den Plänen des Gesundheitsministers erst in drei Jahren geben.

Handlungsbedarf auch beim Schutz vor Gewalt

Weiterer Handlungsbedarf besteht nach Suhrs Worten bei der Durchsetzung der Rechte von pflegebedürftigen Menschen, insbesondere beim Schutz vor Gewalt, sowie in den Bereichen Prävention und Rehabilitation. Auch da gebe es noch „sehr viel zu tun“, sagte der Experte.

Bestätigt wurde bei der Umfrage übrigens erneut die Präferenz einer deutlichen Mehrheit, im Pflegefall zuhause bleiben zu dürfen. 70 Prozent möchten in den eigenen vier Wänden gepflegt werden, knapp jeder Zweite durch einen Mix aus familiärer und professioneller Pflege. Lediglich 15 Prozent sähen sich in einem Heim besser aufgehoben.

Die meisten Sorgen machen sich die Deutschen, wenn sie an ihr Alter denken, vor Demenz und anderen kognitiven Einschränkungen. 63 Prozent der Befragten fürchten sich davor. Die „Abhängigkeit von Anderen“ schreckt 56 Prozent, die Angst vor körperlichen Defizite treibt fast genauso viele um.

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