Umfragen nach dem TV-Duell : Merkel gegen Schulz - Wer richtig fragt, gewinnt

Wer gewann das TV-Duell? In der ARD lag Merkel 20 Prozent vor Schulz, beim ZDF nur 3 Prozent, bei einer anderen Umfrage lag Schulz vorn. Wer hat Recht?

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Alles eine Frage der Perspektive.
Alles eine Frage der Perspektive.Foto: Tobias Schwarz/AFP

Tja, was stimmt denn nun? Hat Angela Merkel das TV-Duell gewonnen oder Martin Schulz? Bei der ARD hieß es nach einer Blitzumfrage, 55 Prozent der Befragten hätten für die amtierende Kanzlerin votiert und nur 35 Prozent für den Herausforderer. Das sei der beste Wert für Merkel je im direkten Vergleich mit einem SPD-Kandidaten gewesen. Beim ZDF hingegen lagen beide fast gleichauf, es stand 32 zu 29 für Merkel, 39 Prozent erklärten: kein Unterschied.

Am Abend danach sagte dann Thomas Oppermann, der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, in der Sendung „Hart, aber fair“, Schulz sei der Sieger des Duells.  Das hätte eine Umfrage der Universität Freiburg gezeigt, wonach der SPD-Mann vor allem bei unentschlossenen Wählern habe punkten können. Verwirrung total.

Bei näherer Betrachtung entwirrt sich allerdings der Deutungsknoten. Zunächst sind die Umfragen von Infratest dimap (im Auftrag der ARD) und der Forschungsgruppe Wahlen (im Auftrag des ZDF) repräsentativ für jene wahlberechtigten Zuschauer des TV-Duells, die sich durch ein hohes Politikinteresse auszeichnen, also wahrscheinlich auch wählen gehen werden. Das trifft auf die Teilnehmer am sogenannten Debatometer, der von der Universität Freiburg entwickelt wurde, nicht zu.

In Freiburg wurde der Debat-o-meter entwickelt

Der Debatometer ist nicht repräsentativ, seine Abstimmungsergebnisse hängen stark davon ab, wer daran teilnimmt. Beim TV-Duell zwischen Merkel und Schulz waren 26 Prozent der Teilnehmer CDU-Anhänger, 19 Prozent sympathisierten mit der SPD, knapp ein Viertel war unentschlossen. Am Ende gab es ein Patt. 40,3 Prozent sahen Merkel vorn, 40,4 Prozent stimmten für Schulz.

Wie wenig aussagekräftig die Daten des Debatometers ohne analytische Einordnung sind, hatte sich bereits vor einer Woche gezeigt. Da waren die vier Spitzenkandidaten der Oppositionsparteien – Linke, Grüne, FDP, AfD – auf Sat.1 gegeneinander angetreten. Am Ende gewann Christian Lindner (FDP) mit 39,5 Prozent, dicht gefolgt von Alice Weidel (AfD) mit 30,6 Prozent. Kein Wunder. AfD-Wähler stellten mit 45,6 Prozent die größte Gruppe der Teilnehmer am Debatometer (zum Vergleich: Union-Wähler 3,6 Prozent, SPD-Wähler 5,5 Prozent). Deshalb rangierte wohl auch bei der Frage nach dem wichtigsten Thema der Bundestagswahl die Flüchtlings- und Asylpolitik mit 45,2 Prozent auf Platz eins. Sich auf Daten des Debatometers zu berufen, ist ohne solche erklärenden Hintergründe unseriös.

Wie aber erklären sich die Diskrepanzen zwischen ARD und ZDF? Die zentrale Frage bei Infratest dimap lautete: „Unabhängig davon, welchen Kandidaten Sie bevorzugen, wen fanden Sie in diesem Spitzenduell insgesamt überzeugender?“ Bei der Forschungsgruppe Wahlen dagegen hieß es: „Wer hat sich bei dem TV-Duell besser geschlagen?“ Neben Merkel und Schulz konnten sich die Befragten hier auch für „kein Unterschied“ entscheiden (39 Prozent). Eine solche Mittelkategorie bot Infratest dimap nicht an.

Schulz war besser als erwartet

Nun kann man jemanden „insgesamt überzeugend“ finden, obwohl diese Person in einem Schlagabtausch rhetorisch schwächer war. Außerdem schwingt bei „besser geschlagen“ der Zusatz „als erwartet mit“, worauf die Projektmanager von Infratest dimap hinweisen. Denn auch dort hatte bei der Frage „Waren die Kandidaten besser oder schlechter als erwartet?“ der Herausforderer klar die Nase vorn. Schulz war also besser, als die meisten Zuschauer erwartet hatten, Merkel aber lag in der Gesamtbilanz vorn.

Gegen die Fragestellung von Infratest dimap lässt sich jedoch einwenden, dass die Voraussetzung des bilanzierenden Urteils - „unabhängig davon, welchen Kandidaten Sie bevorzugen“ – weder überprüft werden kann, noch in der Praxis wirklich erfüllbar ist. Ein CDU-Anhänger etwa kann nicht einfach von seiner personellen politischen Präferenz absehen. Unterbewusst formt sie sein Urteil mit.

Unabhängig davon bestätigen die Umfragen zwei andere Trends: Bei den jüngeren Wählern liegt Schulz vorn, bei den weiblichen Merkel. Das aber war schon vor dem TV-Duell klar.

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