Umwelt : Waldrodung – ein Klimakiller

Der UN-Gipfel auf Bali diskutiert Maßnahmen, wie die radikale Abholzung vor allem in Schwellenländern reduziert werden kann.

M. Kleine-Brockhoff[Nusa Dua]

Die erste Woche des Klimagipfels der Vereinten Nationen auf Bali ist von zwei großen Themen bestimmt gewesen: die Anpassung an den Klimawandel und die Rettung der Wälder. Dass Pflanzen und Böden Kohlendioxid (CO2) speichern, ist zwar schon lange bekannt. Und auch, dass tropischer Regenwald abgeholzt wird. Aber die Dimensionen wurden erst jüngst deutlich.

„50 Prozent des gesamten Treibhausgasminderungspotenzials könnten mit der Reduzierung der Entwaldung erreicht werden“, schrieben UN-Wissenschaftler im Mai. Der Regenwaldraubbau sei mit einem Anteil von bis zu 25 Prozent der zweitgrößte Treibhausgaserzeuger nach fossiler Rohstoffverbrennung. Nun genießt Waldschutz Aufmerksamkeit wie nie zuvor. „Ich erwarte, dass die Reduzierung der Entwaldung Teil eines neuen Klimaabkommens wird“, sagt der Chef des UN-Klimasekretariats Yvo de Boer. „Es eilt. Jährlich werden 13 Millionen Hektar entwaldet. Wir müssen uns etwas einfallen lassen.“ 13 Millionen Hektar entsprechen etwa der Fläche von Griechenland.

Keine Klimaaktion ohne Kürzel, natürlich gibt es längst eines: Redd. Das steht für „Reducing Emissions from Deforestation and Degradation“. Die meisten Emissionen durch die Entwaldung entstehen in Indonesien und Brasilien, wo viel Regenwald steht und viel zerstört wird, auch durch Brandrodung. „Es geht um unser Weltklima“, meint Stephan Singer, von der Umweltstiftung WWF, „reiche Staaten müssen armen Ländern Anreize dafür geben, Bäume stehen zu lassen.“

Genau das soll Redd leisten. Nur gibt es riesige Hürden, zum Beispiel Marktkräfte. Industriestaaten kaufen Holz, Palmöl und Fleisch. Schwellenländer verkaufen diese Güter. Brasilien liefert Holz und Rindfleisch. Viehhaltung und Futteranbau, meist Soja für europäische Kühe, brauchen Flächen – oft muss Wald weichen. Indonesien liefert Holz und Palmöl, das in Lebensmitteln sowie Kosmetika steckt und auch als Biosprit taugt. Plantagen brauchen Fläche – oft muss Wald weichen.

Ob und wie die Nachfrage gemindert werden könnte, diskutiert in Bali erstaunlicherweise niemand. Die Redd-Debatte dreht sich nur darum, wie Regenwaldstaaten ihre Abholzung reduzieren und Industriestaaten einen Einnahmeausfall ausgleichen könnten. „Man muss Anreize schaffen. Ressourcenschutz muss sich finanziell lohnen“, sagt Johannes Ebeling von Eco Securities, einer Firma, die Klimaschutzprojekte entwickelt. „Eine Idee ist, Waldländern handelbare Emissionszertifikate zur Verminderung der Entwaldung zu geben.“ Durch den Kauf solcher Zertifikate könnten Firmen in Industriestaaten, die ihre Emissionsgrenze überschreiten, diese Klimasünde ausgleichen. „Allerdings birgt die Ausstellung vieler Redd-Zertifikate eine Gefahr: Eine Marktüberschwemmung könnte zu einem allgemeinen Wertverfall auf dem Emissionsmarkt führen“, warnt Johannes Ebeling. „Denkbar ist daher ein neuer, separater Emissionsmarkt, auf dem ausschließlich Redd-Zertifikate gehandelt werden.“

Brasilien, das Land mit dem größten Regenwald, hält nichts von Waldschutzzertifikaten. Die Südamerikaner hätten lieber einen Redd-Fonds, einen Topf mit Geld für den Waldschutz. Auf Bali wird gerade um den richtigen Weg gestritten. Der Finanzbedarf ist noch offen. „Die Reduktion der Entwaldung wird jährlich zwischen 2,3 und 23 Milliarden US-Dollar kosten“, schätzt Frances Seymour vom Waldforschungszentrum Cifor.

Die Redd-Initiative hat hohe Erwartungen geweckt. Die Regenwald-Staaten rechnen mit Milliarden und hätten sie am liebsten sofort. „Wir müssen jetzt mit Pilotprojekten loslegen“, sagt Emil Salim, Indonesiens Delegationsleiter, „ doch Industriestaaten kommen hier in Bali nur mit Versprechungen an den Verhandlungstisch. Sie sind geizig.“ Doch das hat seinen Grund: Selbst wohlwollende Staaten möchten nicht einfach mit Geld um sich werfen, denn es könnte im korrupten Indonesien leicht versickern.

„Redd ist notwendig, aber kompliziert, auch aus praktischen Erwägungen“, sagt Deutschlands Verhandlungschefin Nicole Wilke. „Wir können zum Beispiel nicht Geld für den Schutz eines Gebietes geben, während ein paar Kilometer weiter munter abgeholzt wird. Das brächte nicht viel.“

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