Umweltschutz : Vattenfalls Klimakampagne geht nach hinten los

Der Energiekonzern Vattenfall greift tief in den grünen Farbtopf: Mit anrührenden Bildern von bedrohten Eisbären versucht sich das Unternehmen als Umweltschützer zu positionieren. Doch der Versuch das Image aufzupolieren geht nach hinten los.

Amir El-Ghussein
Eisbär
Der Lebensraum der Eisbären ist bedroht. -Foto: dpa

BerlinVor ein paar Tagen saß ich im Kino und durfte in der Werbung einen Eisbären bewundern, der um sein Leben schwimmt. Er paddelt durchs Eismeer - keine Scholle weit und breit. Doch dann friert das Wasser und Meister Petz tollt und wälzt sich im Schnee. Juhu, er ist gerettet.

Ein richtig professioneller Klimaschutz-Spot - wow. Aber von wem ist er? Vom WWF? Vom Umweltminister? Nein, vom Stromproduzenten Vattenfall. Aber gilt der Konzern nicht als einer der größten Klimasünder? Ranken sich um das Unternehmen nicht einige wenig erfreuliche Ereignisse in Sachen Umweltschutz? Wir haben nachgefragt. (Das Werbe-Video von Vattenfall)

Carsten Smid von Greenpeace bewertet die Kampagne als "übelstes Greenwashing". "Der Konzern hat den Ausstoß von Treibhausgasen in den letzten fünf Jahren um über acht Prozent erhöht. Vattenfall ist der klimaschädlichste Stromanbieter Deutschlands", sagt Smid im Gespräch mit tagesspiegel.de. Insgesamt setzt Vattenfall bei der Stromerzeugung sehr stark auf den Klimakiller Kohle. Jede Kilowatt-Stunde Strom produziert 890 Gramm CO2." Zum Vergleich RWE kommt auf 789, Eon (mit einem großen Atomstrom-Anteil) auf 490 Gramm pro Kilowatt-Stunde. Aber es könnte ja sein, dass sich Vattenfall besonders um erneuerbare Energien wie die Windkraft bemüht. "Der Anteil der Windenergie liegt bei nur 0,04 Prozent - das ist desaströs", sagt Smid.

"Eine perfide Kampagne"

"Diese Kampagne soll den Konzern während der Klimakonferenz in Polen als klimafreundlich darstellen. Aber in Posen geschieht genau das Gegenteil. Mit seiner Lobbyarbeit torpediert Vattenfall die Klimaschutzziele Europas. Eine perfidere Kampagne kann ich mir kaum vorstellen", sagt Smid.



Greenpeace hat inzwischen eine Website gebastelt, die der Originalseite täuschend ähnlich sieht und sich gegen die Kampagne von Vattenfall richtet. Mit ähnlichem Look werden ein paar Fakten präsentiert und - aus der Sicht der Umweltschützer - politische Intentionen des Energieunternehmens dargestellt und dazu aufgefordert, eine Gegenerklärung zu unterschreiben. Außerdem hat die Umweltorganisation das "Schwarzbuch Vattenfall" erstellt, in dem Atompolitik, Energiestrategie und die Emissionen des Konzerns unter die Lupe genommen werden.

Das Schwarzbuch Vattenfall von Greenpeace pdf


Presseabteilung in der Defensive

Die von Greenpeace ermittelten Emissionswerte bringen Vattenfall in Erklärungsnot. Konzernsprecherin Geraldine Schroeder kritisiert zwar das Schwarzbuch von Greenpeace, da "Vattenfall keine zehn Milliarden Euro Subventionen fordert" (wie Greenpeace auf der Kampagnenseite schreibt). Doch bestätigte Schroeder, dass Vattenfall 890 Gramm CO2 für jede erzeugte Kilowatt-Stunde freisetzt. "Uns ist bewusst, dass unsere CO2-Emissionen derzeit hoch sind und wir tun alles dafür, diese zu senken", erklärt Schroeder. Außerdem sei es auch das Recht des Unternehmens, die Politik zum Handeln aufzufordern. Kernpunkt der Forderung ist ein weltweiter Preis für Kohlendioxid in einem Emissionshandelssystem. (Was ist Emissionshandel?)

Von 2050 an will das Unternehmen, das mehrere Braunkohlekraftwerke betreibt, klimaneutral Strom erzeugen. Das dürfte vor dem Hintergrund neu geplanter Kohlekraftwerke nur mit der Abscheidung von CO2 aus dem Produktionskreislauf möglich sein. Dieses CO2 würde dann in die Erde gepumpt - in der Hoffnung, dass es nicht wieder in die Atmosphäre entweicht.

Gegenwind im Forum

Aber nicht nur von Greenpeace auch auf der eigenen Kampagnenseite von Vattenfall setzt es heftige Kritik für den Energiekonzern. User Jens Müller schreibt: "Diese Kampagne ist reine PR." Und weiter: "Dass gerade Vattenfall sich nun im Kampf gegen den Klimawandel vorangehen will, ist nicht mehr als ein Witz. Den Stil einer Nichtregierungsorganisation zu kopieren und sich gleich an die Spitze einer Bewegung zu stellen, ist absolut nicht glaubhaft. Wenn man das Problem des Klimawandels angehen will, darf man nicht diejenigen fragen, die an der derzeitigen Situation verdienen und rein kommerzielle Interessen verfolgen. Jeder der diese Erklärung unterschreibt macht sich lächerlich."
User francke geht einen Schritt weiter und interpretiert die Kampagne als Lobbyarbeit für die Atomkraft: "Wieder ein Vorstoß in Richtung Kernenergie? Ausgerechnet Vattenfall, ein Konzern der wirklich nicht für Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit bekannt ist und mit seinen Atomkraftwerken Millionen von Menschen gefährdet, hat den Umweltschutz entdeckt..."

Mangel an Glaubwürdigkeit

Vattenfall hat sich bisher nicht gerade als Vorreiter in Sachen Klimaschutz erwiesen. Deshalb wird von Greenpeace aber auch von den Usern auf Kampagnenseite berechtigt Kritik geübt. Um tatsächlich den bunten PR-Bildern gerecht zu werden, müsste der Energieriese seine Produktion umstellen und nicht neue Kohlekraftwerke bauen. So wird es wohl kaum etwas mit der Rettung des Klimas - der Eisbär aus dem Film dürfte so wohl doch absaufen.

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