Politik : UN-Konferenz: Milliarden für ein geschundenes Land

Rolf Obertreis

Die Weltbank beschönigt nichts: Der Wiederaufbau Afghanistans wird enorme Summen Geld kosten. Vermutlich einen zweistelligen Milliarden-Betrag in Dollar. Eine konkrete Zahl nennt die Weltbank allerdings in einer unlängst auf ihrer Jahrestagung in Ottawa vorgelegten Studie nicht. Nach 22 Jahren Krieg und einer nunmehr drei Jahre andauernden Dürre liegt Afghanistan am Boden.

500 Millionen Dollar für Minenräumung

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"Es ist eines der ärmsten Länder unter den rund 180 Mitgliedsstaaten der Weltbank" heißt es in der Studie. Sieben Millionen Menschen sind vom Hunger bedroht, Millionen auf der Flucht. "Diese entsetzliche humanitäre Katastrophe erfordert die sofortige, koordinierte Hilfe der Internationalen Staatengemeinschaft", sagte Weltbank-Präsident James Wolfensohn. Und auch dies wird das Land nicht aus den Fesseln der Armut befreien. "Wenn wir nur die wirtschaftliche Lage vor Beginn des Krieges 1979 wiederherstellen, wäre Afghanistan immer noch eines der ärmsten Länder."

Mindestens 500 Millionen Dollar sind notwendig, um Afghanistan von Minen zu befreien. 500 Menschen werden jeden Monat Opfer solcher Minen. Der Wiederaufbau des fast völlig zerstörten Landes, in dem kaum ein Kind eine Schule besucht, in dem 165 von 1000 Babys schon bei der Geburt sterben und in dem die Lebenserwartung bei nur 41 Jahren liegt, lässt keine Vergleiche zu. In der Westbank und in Gaza werden für den Wiederaufbau für zwei Jahre drei Milliarden Dollar veranschlagt, im Libanon waren es für zehn Jahre vier Milliarden Dollar, in Bosnien 5,4 Milliarden Dollar für die Zeit zwischen 1995 und 1999. Und Ost-Timor erhält 350 Millionen Dollar für drei Jahre. Freilich: Zusammengerechnet ging es in all diesen Fällen um eine Bevölkerung von etwa elf Millionen Menschen. Afghanistan allein aber zählt derzeit etwa 18 bis 20 Millionen Einwohner. Dazu kommen noch rund fünf Millionen Flüchtlinge, die über kurz oder lang zurückkehren werden.

Währung außer Kontrolle

Nicht eingerechnet sind Aufwendungen für eine funktionierende öffentliche Verwaltung. Faktisch hat das Land längst keine Währung mehr. Die galoppierende Inflation hat die Landeswährung Afghan beseitigt, derzeit wird das Geld im Norden gedruckt. Es gibt keine Kontrolle des Währungsgeschehens. Allenfalls der Schwarzmarkt und inoffizielle Exporte nach Pakistan brachten noch Geld ins Land.

Faktisch hing Afghanistan in den letzten beiden Jahrzehnten am Tropf der internationalen Hilfe. Dabei hat die Staatengemeinschaft das karge Land am Hindukusch mehr oder weniger vergessen. Die Weltbank, die dem Land seit Mitte der fünfziger Jahre insgesamt Kredite und Zuschüsse von rund 230 Millionen Dollar zugesagt hat, zog sich 1979 aus der Hilfe zurück. Heute hat Afghanistan bei der Bank noch Schulden von rund 48 Millionen Dollar.

Privates Kapital nötig

Im Land selbst waren in den letzten Jahren nur noch rund 40 Nicht-Regierungsorganisationen tätig. Das wird sich schnell ändern müssen. Die internationale Staatengemeinschaft wird nicht nur nach Ansicht von Weltbank-Chef Wolfensohn spätestens jetzt Verantwortung übernehmen müssen. Und letztlich muss, sagt die Weltbank, auch wieder privates Kapital nach Afghanistan fließen, etwa für den Aufbau einer Stromversorgung oder der Telekommunikation.

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