UN-Weltklimagipfel in Bonn : Treibhausgasemissionen müssen schnell und deutlich sinken

Patricia Espinosa strebt auf dem UN-Weltklimagipfel in Bonn an, dass die Bemühungen um den Klimaschutz schneller vorankommen.

Patricia Espinosa
Schlimme Vorzeichen. Der Hurrikan „Irma“ hat am 11. September 2017 die niederländische Karibikinsel Sint Maarten verwüstet. Das Bild zeigt komplett zerstörte Häuser in Simpson Bay. Die Insel lebt vom Tourismus, der nun völlig zum Erliegen gekommen ist.
Schlimme Vorzeichen. Der Hurrikan „Irma“ hat am 11. September 2017 die niederländische Karibikinsel Sint Maarten verwüstet. Das...Foto: REUTERS/Alvin Baez

Weltweit ist ein weiteres Jahr mit extremen Stürmen, Überflutungen, Hitzewellen und Dürreperioden verstrichen. Es haben sich Wetterereignisse wiederholt, die eigentlich nur einmal in hundert Jahren auftreten sollten. Daher treffen sich Regierungen, Unternehmen und Gruppen der Zivilgesellschaft ab dem 6. November in Bonn zur jährlichen UN-Klimakonferenz, um Prozesse zu beschleunigen, die die zunehmende Flut dieser extremen Wettererscheinungen verhindern sollen.

Die Wirbelstürme „Harvey“, „Irma“ und „Maria“ in der Karibik sind die jüngste vernichtende Warnung: Der von ihnen verursachte Gesamtschaden von geschätzten 350 Milliarden US-Dollar entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung eines Landes wie Norwegen oder Thailand. Allein in Südostasien haben Überschwemmungen in diesem Jahr bisher mehr als 1200 Menschen getötet. Außerdem war 2016 das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen – und es war das dritte Jahr in Folge, das diesen Rekord brach.

Die Wissenschaft warnt seit langer Zeit, dass die Treibhausgase, die wir aus unseren Fabriken, Autos, Häusern und in der Landwirtschaft ausstoßen, die globale Erwärmung verursachen. Die sogenannten Treibhausgase sind Gase wie Kohlendioxid und Methan, die sich wie ein Treibhaus verhalten, indem sie die Sonnenhitze unter unserer Atmosphäre einfangen. Die Vorhersage, dass der Ausstoß von Treibhausgasen die Erde erwärmt, ist nun mehr und mehr zur täglichen Realität geworden. Aber die ebenfalls vorhergesagte und noch gefährlichere Zukunft muss nicht eintreten. Daher wird die Bonner Weltklimakonferenz an den nächsten notwendigen Schritten arbeiten, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 zu erreichen: Den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur seit dem 19. Jahrhundert deutlich unter 2 Grad Celsius und so nah wie möglich an 1,5 Grad zu halten.

Weite Teile Afrikas leiden unter einer entsetzlichen Dürre, wie hier in Bandarero (Kenia), an der Grenze zu Äthiopien.
Weite Teile Afrikas leiden unter einer entsetzlichen Dürre, wie hier in Bandarero (Kenia), an der Grenze zu Äthiopien.Foto: Ben Curtis/AP/dpa

Es bleibt noch immer möglich, eine Zukunft zu sichern, in der jeder ein einigermaßen stabiles und sicheres Leben führen kann, wenn wir jetzt weltweit mehr und schneller daran arbeiten, diese Gase aus unseren Leben zu verbannen. Das ist es, was eine nachhaltige Zukunft ausmacht, die das oberste Ziel der anderen wichtigen UN-Vereinbarung von 2015 ist, der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Die zwei Abkommen sind eng miteinander verbunden – entweder sind sie gemeinsam erfolgreich oder sie scheitern gemeinsam.

Das Pariser Klimaabkommen ist die Selbstverpflichtung der Gemeinschaft aller Nationen, Temperatursteigerungen jenseits einen Punktes zu verhindern, an dem die menschliche Zivilisation unter den extremen Klimaeinwirkungen zusammenbrechen könnte. Das Abkommen ist sehr viel mehr als eine Idee oder eine Hoffnung. Stattdessen wird es bereits jetzt gestützt durch konkrete nationale Pläne von mehr als 160 Ländern, ihre Treibhausgase drastisch zu reduzieren und ihre Bevölkerung darauf vorzubereiten, sich dem Klimawandel, der längst im Wettersystem wirkt, zu widersetzen. Wir haben eine nie dagewesene Antwort auf ein globales Abkommen beobachten können. Aber diese Pläne müssen ehrgeiziger werden, um das in Paris gesetzte Ziel auch tatsächlich zu erreichen.

Stürme und Überschwemmungen treffen Menschen in ärmeren Ländern besonders hart, wie hier in Indien 2016.
Stürme und Überschwemmungen treffen Menschen in ärmeren Ländern besonders hart, wie hier in Indien 2016.Foto: Sanjeev Gupta/EPA/dpa

Die bisherige Erderwärmung mag Nicht-Wissenschaftlern vom Temperaturanstieg her auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Tatsächlich handelt es sich um eine sehr gefährliche Entwicklung, denn eine Erhöhung von nur einem Grad kann für einen kranken Menschen den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Ebenso führen kleine Erhöhungen zu einem exponentiell stärkeren Klimawandel.

Beispielsweise haben Wissenschaftler prognostiziert, dass das halbe Grad Unterschied zwischen 2 und 1,5 Grad den Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um zehn Zentimeter steigen lassen könnte – eine massive zusätzliche Bedrohung für die Milliarden von Menschen, die in Küstenregionen wohnen.

Was ebenfalls zu selten betont wird: Die Temperatur ist bereits um ein Grad gestiegen. Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit, das Blatt noch zu wenden. Es ist erforderlich, dass wir gemeinsam die Art überdenken, wie wir Energie verwenden und verbrauchen, wie wir produzieren und bauen, wie wir unsere Länder und unsere Ökosysteme managen wollen. Es ist eine Frage des Überdenkens, nicht des Neu-Erfindens, denn die Technologien und die finanziellen Mittel, um diese Transformatiom zu erreichen, existieren bereits.

Die rapide Entwicklung neuer Technologien wird zum gewissen Etwas, das den Wandel antreibt. Vor allem aber geht es darum, zu handeln – und zwar nicht erst morgen oder in zehn Jahren, sondern jetzt.

Die notwendigen Lösungen sind nicht geheim. Erneuerbare Energien – Strom aus Sonne, Wind, Wasser und der natürlichen Hitze der Erde – wachsen prozentual jährlich schneller als irgend ein anderer Energiesektor.

Deutschland ist mit seiner Energiewende zu einem wichtigen Vorreiter geworden. Die Kosten für erneuerbare Energien sinken derweil weiter, was zu einem positiven Kreislauf führt, in dem bessere Technologien niedrigere Preise zur Folge haben, was wiederum die Investitionen in erneuerbare Energien steigen lässt. Hinter diesem Trend steht eine simple Wahrheit: Fossile Brennstoffe sind endlich und ihre Gewinnung wird immer teurer. Erneuerbare Energien sind das genaue Gegenteil: grenzenlos.

Auch Europa wird immer heftiger von Stürem und Überschwemmungen getroffen, wie hier in Krupanj, 150 km südöstlich von belgrad (2014).
Auch Europa wird immer heftiger von Stürem und Überschwemmungen getroffen, wie hier in Krupanj, 150 km südöstlich von belgrad...Foto: dpa/Dragan Karadarevic

Mittlerweile gehört Elektroautos die Zukunft. Mehrere Länder, darunter Frankreich und Großbritannien, haben Termine zur Beendigung der Ära der mit fossilen Brennstoffen betriebenen Autos zugunsten von elektrischen Fahrzeugen gesetzt. Autohersteller könnten diesen Zeitplan sogar noch übertreffen. Die Entwicklungsländer warten währenddessen gar nicht auf Veränderung, dort ist sie bereits im Gange: Der indische Autohersteller Tata Motor hat das gezeigt und wird bald sein erstes Elektroauto sowie einen Elektrobus vorstellen.

Einfache Energieeffizienz – das Dämmen von Geschäftsgebäuden und Wohnhäusern – ist eine unserer größten unmittelbar wirksamen Optionen. Eine Studie der OECD hat gezeigt, dass die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf unter zwei Grad etwa sieben Billionen US-Dollar pro Jahr bis 2030 kostet. Das wäre nur zehn Prozent teurer, als in eine kohlenstoffintensive Infrastruktur zu investieren und würde trotzdem unfassbare 1,7 Billionen Dollar pro Jahr an Treibstoff weltweit sparen.

Es ist unumgänglich, dass wir jetzt jeden Cent, den wir erübrigen können, in diese neue, saubere Zukunft investieren. Das bedeutet, dass öffentliche und private Mittel von den traditionellen Branchen mit hohem Ausstoß von Treibhausgasen abgezogen werden müssen.

Die steigende Aussicht auf höhere Gewinne und bessere Rentabilität aus sauberen Unternehmen bringen uns dorthin. Aber Regierungshandeln ist unentbehrlich, um diesen Wandel schneller voranzutreiben.

Das wirtschaftliche Wachstum mit einer starken Klimapolitik zu kombinieren, bringt Vorteile – und immer mehr wird Regierungen klar, dass dies für ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihren zukünftigen Erfolg entscheidend ist. Eines der Zugpferde in diesem Bereich ist die Europäische Union, aber auch aufstrebende Wirtschaftsmächte wie Indien und China haben diese Vorteile entdeckt. Erst vor wenigen Monaten wurde Indien zum zweitattraktivsten Land für das Investment „Investitionen in erneuerbare Energien“ erklärt. China hat fünf Pilotzonen für „grüne Finanzierung“ gegründet, in denen finanzielle Institutionen Anreize für eine umweltfreundliche Industrie und für neue Finanzierungsmethoden schaffen. Die Investmentbank Goldman Sachs sagt voraus, dass die wirtschaftlichen Vorteile sauberer Energien bedeuten, dass die USA ihre offiziellen Ziele zur Reduzierung von Emissionen früher als geplant erreichen werden, egal, wie der politische Hintergrund aussieht. So haben sich über 250 amerikanische Bürgermeister bereits dazu verpflichtet, ihre Städte bis zum Jahr 2035 auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzustellen.

Patricia Espinosa ist Generalsekretärin des Uno-Klimasekretariats in Bonn.
Patricia Espinosa ist Generalsekretärin des Uno-Klimasekretariats in Bonn.Foto: UNFCCC

In Bonn werden Regierungen, Städte, Staaten, Firmen, Investoren und Nichtregierungsorganisationen hunderte neuer Initiativen und Ankündigungen zusammentragen, um gegen den Klimawandel vorzugehen. Es handelt sich um eine stetig aufstrebende Spiralbewegung wachsenden Einsatzes für den Klimaschutz. Und wir alle, als Bürger, Wähler und Verbraucher, befinden uns in dessen Zentrum.

Wir alle wollen die saubere Luft und die saubere Flüsse, die bessere Gesundheit, die neuen Jobs in brandneuen Industrien und die niedrigeren Lebenshaltungskosten, die die erneuerbaren Energien und die Beseitigung der Umweltverschmutzung bringen. Handeln wir auch danach! Aber vor allem sollte niemand Angst haben müssen, dass der nächste große Sturm oder die nächste Dürre ihn unvermeidlich das Leben oder die Lebensgrundlage kostet.

Je deutlicher wir das den Firmen, die für uns arbeiten, zeigen, desto schneller wird es geschehen. Je klarer wir das den Regierungen machen, desto schneller wird der Wandel im Denken eintreten. Zugegeben: Wo Veränderung stattfindet, gibt es immer auch Verlust. Aber es gibt immer das Potenzial für größere Chancen, wenn wir sie denn schaffen. Gemeinsam, schneller, weiter – bei der COP23 in Bonn.

Die Autorin ist Generalsekretärin des Uno-Klimasekretariats in Bonn. Zuvor war sie zwei Mal Botschafterin Mexikos in Deutschland und Außenministerin ihres Landes. Aus dem Englischen von Annika Brockschmidt

» Jamaika-Aus: Wie geht es weiter? Jetzt E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar