Politik : Unangenehme Fragen

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Von Malte Lehming, Washington

Die Show fällt aus. Der Prozess gegen den „amerikanischen Taliban“ John Walker Lindh ist beendet, bevor das Hauptverfahren begonnen hat. Überraschend einigten sich Anklage und Verteidigung auf einen Kompromiss. Am Montag erklärte sich der 21-jährige Mann aus Kalifornien in zwei von zehn Punkten für schuldig. Im Gegenzug verzichtete die Staatsanwaltschaft auf jede weitere Strafverfolgung. Statt für den Rest seines Lebens wird John Walker Lindh nun für maximal zwanzig Jahre ins Gefängnis gehen. Außerdem kann er vorzeitig begnadigt werden.

Ist die US-Justiz plötzlich milde geworden? Wohl kaum. Eher ist ihr Einlenken als Angst zu werten – Angst vor der Öffentlichkeit. Die Anklage stützte sich vor allem auf Aussagen Walkers, die er nach seiner Festnahme in Afghanistan gegenüber FBI-Agenten gemacht hatte. Da sei er eingeschüchtert gewesen, konterte die Verteidigung. Mental und physisch sei ihr Mandant gebrochen worden, 55 Tage lang sei er ohne Rechtsbeistand gewesen. Deswegen sei das Beweismaterial wertlos. Überdies drohte Walkers Anwalt damit, FBI-Agenten als Zeugen zu verhören und auch Gefangene zu vernehmen, die auf dem US-Marinestützpunkt in Guantanamo festgehalten werden und gemeinsam mit Walker gekämpft hatten. Und noch andere Pfeile hatte die Verteidigung in ihrem Köcher. Gegen welches Gesetz, so fragte der Anwalt, hat Walker eigentlich verstoßen? War es einem US-Bürger verboten, mit den Taliban gegen die Nordallianz zu kämpfen? Haben die USA nicht Osama bin Laden im Krieg gegen die Sowjets erst stark gemacht und mit den Taliban bis zum 11. September sogar über eine Öl-Pipeline verhandelt? Solche Fragen hätten für die Vertreter der Anklage unangenehm werden können. Im Vergleich zu den vollmundigen Erklärungen von Justizminister John Ashcroft, der anfangs nicht ausgeschlossen hatte, Walker wegen Hochverrats zu belangen, was mit der Todesstrafe geahndet wird, waren die Strafverfolger zunehmend kleinlaut geworden.

Was bleibt, ist ein Rätsel. Was bewegte diesen Mann mit den dunklen Augen, den langen schwarzen Haaren und dem krausen Vollbart, der da auf diesem legendären Bild verwundet und verdreckt auf einer Pritsche in Afghanistan liegt? War er ein pubertierender Junge, den Islamisten einer Gehirnwäsche unterzogen hatten? Oder war er ein Verräter, der keine Skrupel hatte, mit den Terroristen gegen sein eigenes Land zu kämpfen? Die Antworten nimmt der „amerikanische Taliban“ nun in seine Zelle mit.

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