"Und erlöse uns von allen Üblen" #4 : Ein Plädoyer für eine Hinrichtung

Der Parteichef der Nationalen Alternative steckt hinter Anschlägen auf Flüchtlingsheime und anderen rechten Gewalttaten. Doch nachweisen kann man Joachim Freypen nichts. Ein Mörder bietet seine Dienste an.

Michael Jürgs
Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gehören auch in der Geschichte von Michael Jürgs zum Alltag.
Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gehören auch in der Geschichte von Michael Jürgs zum Alltag.Illustration: Anna Krauß

Was bisher geschah: Der Parteichef der Nationalen Alternative hat nur noch einige Minuten zu leben. Sein Mörder lauert auf den richtigen Moment zum tödlichen Schuss. Das Mordkomplott haben vier Männer in Frankreich vereinbart.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 4 vom 19. Juni.

Eine halbe Stunde später saßen die vier Männer am Rande des Pools, dessen summende Umwälzpumpe um diese Zeit abgeschaltet war, doch schwimmen wollte eh keiner mehr von ihnen. Red stupste den Holländer auf dem Liegestuhl an, der sich an seiner immer wieder ausgehenden Zigarre festhielt und ab und zu automatisch nach den Mücken schlug, die von den kleinen Lampen in den Büschen angelockt wurden. Falls bei einem letzten Spaziergang vor dem Schlafengehen jemand vorbeischauen sollte, würde der nur vier Raucher sehen, die sich hierher zurückgezogen hatten, ein paar Minuten vom Haupthaus entfernt und damit auch weit weg von allen anderen Bewohnern des Hotels.

Was außerdem nicht verdächtig wirken würde, sondern ein ganz alltägliches Bild bot sogar mitten in der Nacht, denn Rauchen war innerhalb der Gebäude nicht gestattet. Manche Gäste rauchten nach dem Abendessen lieber direkt vor dem Haus und ließen sich Digestiv und Kaffee in den Schaukelstühlen auf der Veranda servieren. Die meisten allerdings schliefen schon. Viele, animiert durch die aufreizende, ozongetränkte Meeresluft, sogar mal wieder miteinander.

Ein besonders geschulter Beobachter hätte bemerkt, dass zwei der Männer am Pool offenbar keine geübten Raucher sind, und eher widerwillig an dicken Zigarren ziehen. Vor allem zum jüngsten unter ihnen würde viel eher eine Gauloises zwischen den Lippen passen, aber auch die mochte der Franzose nicht. Wer nach Rauch riecht, lautete sein liebster Spruch, bekommt rein statistisch gesehen weniger Frauen ins Bett als Nichtraucher. Und zu vögeln sei ihm allemal wichtiger als zu rauchen. Seine Freunde zogen ihn gern auf, wenn er ihnen solche Vorträge hielt, die er ernst nahm, aber nicht ernst meinte, sag doch bitte noch einmal "to fuck is better than to smoke", aber nur in deinem Englisch, "tu fugg is better tsan to smouge". Worauf er ihnen stets den Mittelfinger zeigte und "fuck you" sagte, "fugg you", aber auch das hörten sie gern.

Der Kellner war für ein großzügiges Trinkgeld sofort bereit gewesen, ihnen nach dem Essen vier Gläser, Korkenzieher, Zigarren und ein paar Flaschen eisgekühlten Sauvignon in einen kleinen Korb zu legen, der jetzt vor ihnen stand. Eine Flasche war bereits leer. Sie waren unter sich.

"Es müsste aussehen wie ein politisches Attentat von links", begann der mit dem leichten deutschen Akzent, den man von seiner Erscheinung und Kleidung her für einen typischen Briten gehalten hätte, "noch besser natürlich, man könnte so etwas ähnliches wie einen internen Machtkampf inszenieren. Hängt jedoch davon ab, wieviel Zeit ich für die Vorbereitung habe. Ein sicherer Fluchtweg für mich wäre auch nicht schlecht, sonst seid ihr beim nächsten Fall nur noch zu dritt." Dabei grinste er und schnipste ein Stückchen Asche, das auf seine Krawatte gefallen war ins Nichts.

"Wenn du nicht zu nahe rangehen willst oder kannst, nimmst du am besten ein G3-Gewehr, das ist auf weite Entfernungen einfach unschlagbar tödlich", sagte der Holländer und hustete dabei, weil er sich mal wieder am Rauch verschluckt hatte. Er galt als der beste Schütze unter ihnen, was durch viele Pokale im Keller seines Hauses in Maastricht nachweisbar war.

Die anderen nickten, klar, das beste NATO-Gewehr, was denn sonst. Jeder, der irgendwann mal damit auf einem Schießplatz hatte üben müssen, schätzte es wegen seiner Handlichkeit und Sicherheit. Selbst nicht so gute Schützen, aber gut sind sie alle, treffen mit diesem Gewehr ins Schwarze. Vor allem, wenn ihr Ziel keine kleine Schießscheibe, sondern eine größere Fläche ist. Ein Mensch zum Beispiel.

"Andrerseits", überlegte der blonde Holländer weiter, nachdem er wieder ruhig atmen konnte, "andererseits ist das neue G 36 sogar noch besser. Leichter. Nur noch der Lauf aus Stahl. Leuchtpunktvisier statt Kimme und Korn. Und vor allem: Zielfernrohr im Lauf eingebaut, falls man es braucht."

Red, der Engländer, beide Daumen in der weißen Weste verschränkt, hob die Stimme: "Ihr seid mir zu schnell. Wir wollen nicht mit unseren eisernen Regeln brechen, Gentlemen. Noch ist nichts entschieden. Außer dem Namen des möglichen Opfers wissen wir nämlich gar nichts." Er zeigte auf den Deutschen: "Dein Plädoyer", verlangte er knapp und das klang fast wie ein Befehl. Auf einmal waren alle ernst und konzentriert. Jede Spur von Müdigkeit war verflogen. Dies war ab jetzt nicht mehr die Stunde für Scherze.

"Der Mann, um den es geht, heißt Joachim Freypen. Er ist seit acht Jahren Vorsitzender der Nationalen Alternative. Die Partei hat bei der letzten Wahl knapp vier Prozent der Stimmen bekommen, ist also nicht im Bundestag vertreten. Ihr kennt ja unsere Sperrklausel. In Zahlen betrachtet spielt die Bewegung deshalb keine große Rolle, aber das kann sich jetzt aufgrund der steigenden Proteste gegen die Flüchtlinge im Land und nach den Aufmärschen der Pegida-Bewegung entscheidend ändern. Sagen zumindest die jüngsten Umfragen. Die Stimmung in Deutschland ist insgesamt fremdenfeindlich, ängstlich und auf die eigene Sicherheit bedacht."

Er schaute sie dabei einen Moment lang prüfend an, aber alle schienen zu verstehen, was er damit sagen wollte. "Das gilt für andere Parteien und übrigens auch für andere Länder in Europa ebenso", fuhr der Deutsche fort, "bei euch in Frankreich, bei euch in England, bei euch in Holland." Keiner widersprach.

"Freypen ist vielfacher Millionär und verkündet deshalb laut, seine Nationalen seien die einzigen, die kein Geld vom Staat nehmen würden, weil er selbst und die Parteimitglieder alles bezahlen. Was stimmt und in der Öffentlichkeit gut ankommt, vor allem in Zeiten, in denen die da oben angeblich immer nur das Geld der Steuerzahler ausgeben. Zum Beispiel eben für Flüchtlinge. Und im Herbst 2017 wird bei uns gewählt. Wir glauben, dass Freypen hinter mindestens fünf Anschlägen auf Asylbewerberheime steckt, bei denen es in den vergangenen Monaten auch Tote gab. Es wurden zwar die eigentlichen Täter entdeckt und verhaftet, aber man konnte ihnen keine Verbindungen zu Freypen nachweisen. Er hat, aber auch das können wir nicht beweisen, immer wieder Gruppen von Skinheads finanziert, die systematisch Ausländer verprügeln und manchmal totschlagen. Falls es sich bei Gelegenheit so ergibt."

Durch die Wiedervereinigung hatte es ein ganz neues Potential von Neonazis gegeben, damit hatte keiner in der Bundesrepublik gerechnet, denn angeblich lebten drüben ja nur aufrechte Antifaschisten. Vor allem Jugendliche wurden immer radikaler. "Man wird von denen nie eine Spur zu Freypen zurückverfolgen können, selbst wenn zufällig mal einer von den Dreckskerlen gestehen sollte. Es gibt immer zwischen ihm und den Totschlägern ein paar Zwischenstationen, und keiner weiß was vom anderen, geschweige denn von ihm."

"Hat die Polizei denn nie Zeugen gefunden?"

"Bisher hat noch keiner geplaudert, was kein Wunder ist, denn die halten das, was sie tun, nicht für Mord, sondern für eine ehrenvolle Tat. Deutschland den Deutschen und ähnliche Scheiße. Es gibt immer noch oder schon wieder jede Menge Idioten, die darauf hereinfallen. Diese rechten Banden sind gewalttätig wie bei euch die Front National und bei euch die rechtsradikalen Hooligans oder bei euch die Anhänger von Wilders."

Er blickte bei dieser Aufzählung jeweils einen seiner Freunde an, als würden die stellvertretend für ihre Nationen stehen.

Erneut widersprach ihm keiner von ihnen.

"Für die meisten Taten gibt es zwar handfeste Vermutungen über mögliche Hintermänner, aber nichts, was vor Gericht zu Urteil reicht. Wenn man Freypen als Drahtzieher verhaften würde, wäre er mit Hilfe eines guten Anwalts am anderen Tag wieder frei. Und bei seinen Leuten ein Held. Die Ermittler hätten nicht mal die Chance, überhaupt einen Haftbefehl zu bekommen. Seine Partei führt nun mal keine Auftragsbücher, in denen vermerkt ist, soundsoviel tausend Euro für eine Brandstiftung oder einen Überfall. Die sind nicht mehr so einfach zu fassen wie früher, weil die inzwischen so aussehen wie ihr. Oder wie ich. Von denen läuft keiner mit dem Hitlergruß herum und brüllt Heil. Ihr erinnert euch an das rechtsradikale NSU-Trio aus Thüringen, das zehn Menschen getötet hat, fast vierzehn Jahre lang war der Verfassungsschutz auf dem rechten Augen blind, ja nicht zum ersten Mal in der Vergangenheit. Auf ihre Spur kam man erst, als sich zwei von denen selbst in ihrem brennenden Wohnwagen ins Jenseits befördert haben. Vom Versagen unserer Behörden, vor allem dem des Verfassungsschutzes über viele Jahre will ich dabei erst gar nicht erst reden."

Alle schwiegen.

"Einer von den Typen, den wir kürzlich in Marseille bei der eine Razzia gegen Besitzer von kinderpornographischem Material erwischten, war im Verhör zusammengebrochen und hatte dabei über grenzüberschreitende rechtsradikale Aktionen ausgepackt. Im Gegenzug war er bis zum Prozess gegen eine hohe Kaution freigelassen worden. Das war wohl ein Fehler", fuhr der Deutsche fort, "obwohl sich keiner vorstellen kann, wie es die Neonazis erfahren haben. Niemand weiß, wer außer uns in Den Haag noch eine Kopie seiner Aussage bekommen hat. Jedenfalls: Ein paar Tage später ist seine Leiche gefunden worden, angeblich ist er besoffen in die Elbe gefallen und dabei ertrunken."

"Wieso ausgerechnet in die Elbe?"

"Keine Ahnung. Hat vielleicht damit zu tun, dass Freypens Parteizentrale in Hamburg liegt und dass seine Sicherheitsstruppe dort vor Ort agiert und zu der gehören ein paar finstere Gestalten. Deren Chef übrigens ist ein ehemaliger Bulle. Alles aber nur Vermutungen. Die Akte ist bereits geschlossen, der Fall von den zuständigen Behörden als Unfall abgeheftet, weil es für Mord keine Indizien gab."

Der Rothaarige drehte sich zum Ankläger: "In Wahrheit hast du also keine stichhaltigen Beweise gegen diesen Freypen oder?"

"Stimmt, wir haben nichts, was vor Gericht ausreichen würde, ihn hinter Gitter zu bringen. Nichts. Er gilt in der Wirtschaft als honoriger Mann und hat dort beste Verbindungen bis in die höchsten Positionen, selbst wenn die meisten dort seine politischen Ansichten unmöglich finden. Die nimmt man so wie eine Art Marotte hin. Keiner würde ihm zutrauen, dass ausgerechnet er ganz persönlich hinter manchen Brandanschlägen steckt, die passiert sind. Kurzum, man kommt nicht auf legale Weise an ihn heran und deshalb ist er ein Kandidat für uns."

Und morgen lesen Sie: Beweise für Freypens Taten sind unbrauchbar. Das Tribunal trifft seine Entscheidung.

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