"Und erlöse uns von allen Üblen" #40 : Die Reporterin kontaktiert den Mörder

Der Mörder des rechtsnationalen Parteichefs ist wieder daheim. Er freut sich auf ein Abenteuer. Ein Fortsetzungsroman, Teil 40.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Der deutsche Polizist Zartmann hat als Mitglied des Geheimbunds Kleopatra den Rechtsnationalen Freypen erschossen. Er und seine Freunde fühlen sich sicher.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 40 vom 25. Juli.

Retin, der seinen wahrscheinlich beleidigten Kater bei der Nachbarin abholen will, die sich während seiner Abwesenheit um Kleopatra gekümmert hat, setzt Zartmann vor dessen Wohnung ab. Lionel hebt sein Golfbag aus dem Kofferraum und umarmt Alain kurz, dann geht er ins Haus. Sein Anrufbeantworter leuchtet, zwei Gespräche sind verzeichnet, die er sich anhört und sofort danach löscht. Beide Anrufer haben sich nicht damit aufgehalten, ihren Namen zu hinterlassen, und das ist auch nicht nötig. Ruud van Rey und Peter McFerrer würde Zartmann immer an ihren Stimmen erkennen. Der eine erzählte von einem spannenden Buch über die Pharaonen, das er gerade liest, der andere empfahl eine Ausstellung mit ägyptischer Kunst der Frühzeit, die er am Wochenende gesehen hatte. Beide hatten eine unverfängliche Möglichkeit gefunden, ihm mitzuteilen, dass sie vom Erfolg in Hamburg erfahren hatten.

Seinen Morgan hat Zartmann am vergangenen Mittwoch in der Garage der EUROPOL-Zentrale gelassen, weil sie von dort mit dem Mercedes von Retin direkt nach Deutschland aufgebrochen sind. Die zwanzig Minuten Fußmarsch von seiner Wohnung tun ihm gut, er hat in der vergangenen Nacht schlecht geträumt, unruhig geschlafen. Der Junge, der dem alten Mann in seinem wirren Traum begegnet war, war offensichtlich er selbst, Lionel. Der Alte auch, aber die beiden hatten miteinander gesprochen, obwohl sie doch eine Person waren.

Das hatte ihn verwirrt, und dass es nur ein Traum war, änderte nichts an seiner Verstörung. Normalerweise erinnert er sich am anderen Morgen nicht daran, was er nachts geträumt hatte. Also dachte er nach, denn er glaubte nur das, was er mit seinem Verstand nachvollziehen konnte. Was er von seinen Träumen als junger Mann nicht verwirklicht hat, wird ihn im Alter begleiten, so oder so, diese Interpretation scheint ihm logisch. Er ist offenbar in der seltsamen Traumgestalt sich selbst als jungem Mann begegnet. Auch noch logisch. Aber hatte das irgend etwas mit seinem wirklichen Leben zu tun? Der kühle Jurist hat zwar immer geglaubt, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als sich Schulweisheit erträumen lässt, aber gleichzeitig war er sicher, dass dieses Mehr nur deshalb so großartig klang, weil die Lehrer zu faul gewesen waren, mehr zu vermitteln als eben Schulweisheit. Später hatte er sich die Welt selbst interpretiert, aufgrund von Fakten und nicht aufgrund von Vermutungen.

Jetzt, mit fast 45 Jahren, fehlte ihm etwas, trotz des immerwährenden und immer wieder neuen Abenteuers Kleopatra. Aber was? Du bist in der Midlife Crisis, sagte er sich selbst, aber das war natürlich für einen wie ihn kein Trost. Denn er wusste nur zu gut, dass es diese viel beschriebene Krise eigentlich gar nicht gab, sondern eine Idee findiger Journalisten war, die auf der Suche nach einem erfolgsträchtigen Stoff den Jackpot geknackt hatten.

Die Sicherheitsbeamten, die an der Schleuse zum Eingang der EUROPOL-Zentrale auch am Sonntag streng nach Vorschrift Dienst taten, grüßte er mit einer lässigen Handbewegung und ließ sich dann abtasten. In seinem Büro blätterte er die Hausmitteilungen durch, die während seiner Abwesenheit an ihn gerichtet wurden, nichts Wichtiges dabei. Wieso benützen die eigentlich immer noch Papier statt zu mailen? Um sich abzusichern?

Ein Umschlag fällt ihm auf. Er dreht ihn um und erschrickt ganz kurz, als er den Absender sieht: Andrea Hofwieser. Beruhigt sich wieder, als er am Poststempel erkennt, dass der Brief vor einer Woche in Hamburg abgeschickt wurde und laut Vermerk seiner Sekretärin am vergangenen Donnerstag hier angekommen ist. Kann also nichts mit dem Mord zu tun haben. Seltsamer Zufall, was will die von ihm? Er liest gespannt:

"Sehr geehrter Herr Kriminaldirektor Zartmann!

Ihr Name ist mir von der Pressestelle des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden genannt worden. Mein Anliegen: Ich würde gern mit Ihnen als Fachmann für Terrorismus ein Hintergrundgespräch führen. Es geht nicht um ein bestimmtes Thema, sondern um Terrorismus und Attentate allgemein. Ich will auch kein Sachbuch schreiben, sondern einen politischen Thriller, der allerdings möglichst genau sein soll, was die Arbeit der Polizei allgemein betrifft.

Kurz zu mir: Ich bin seit fünf Jahren Polizeireporterin der Hamburger Abendpost und werde mich in den nächsten Monaten beurlauben lassen, um meinen ersten Kriminalroman zu schreiben. Selbstverständlich werden alle Informationen, die Sie mir geben, vertraulich behandelt.

Ich hoffe, Sie können mir helfen und wäre dankbar für einen Rückruf unter der Hamburger Telefonnummer 478471.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Andrea Hofwieser"

Plötzlich fühlt sich Lionel Zartmann wieder wohl. Keine Spur mehr von den seltsamen Gedanken auf seinem Spaziergang. Etwas Unvorhergesehenes ist passiert und was daraus wird, ist nicht voraus zu planen. Der alte Mann in seinem Traum hätte ihm geraten, höflich abzusagen und für das Gespräch einen Kollegen zu empfehlen. Die Gefahr, dass ihn die Journalistin trotz seiner Maskierung in der Tiefgarage wiedererkennen würde und trotz seiner verstellten Stimme, wäre dem zu groß gewesen. Der junge Mann in seinem Traum schreibt ohne lange nachzudenken quer über den Brief "ZUSAGEN" und legt ihn seiner Sekretärin in den Ausgangskorb.

Die Abenteuerlust des Jungen könnte den Alten töten. Da sie aber beide eine Person sind, wäre Lionel in dem Fall tot.

Und morgen lesen Sie: Die Ermittlerin besucht Verleger Schwarzkoff.

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