"Und erlöse uns von allen Üblen" #50 : Der Leibwächter bekommt einen Anruf

Die Theorie vom Mord unter Rechten war eine gezielte Täuschung. Chefermittlerin Hornstein hat einen anderen Ansatz. Ein Fortsetzungsroman, Teil 50.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Das Innenministerium lanciert die Falschmeldung, der Rechtsnationale Freypen könnte von anderen Rechten ermordet worden sein. Dahinter steckt Kalkül.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 50 vom 4. August.

Andrea Hofwieser wird von ihrem Chefredakteur beschimpft, denn ihr Scoop von vorgestern ist längst wieder vergessen. Warum die Konkurrenz diesen Hammer da habe und sie nichts, gar nichts außer ein paar unwesentlichen Zitaten der BKA-Beamtin.

Sie zeigt ihm den Stinkefinger, aber nur am Telefon, er kann es nicht sehen: "Sie dürfen sich beim Verleger über mich beschweren", sagt sie wütend und legt auf. Das wird der nie tun, weiß sie, und sie weiß auch warum. Weil er glaubte, dass sie Schwarzkoffs neue Geliebte ist, denn auch er hatte mitbekommen, dass sie in dessen Auto stieg. Die Reporterin lacht laut, bis ihr Lachen plötzlich in Hysterie übergeht. Sie hat den Schock aus der Tiefgarage doch noch nicht überwunden.

Da Susanne Hornstein davon ja nichts ahnte, tat sie es achselzuckend als hysterischen Anfall ab, der mit ihrem Fall nichts zu tun hatte, war aber doch verblüfft, als sie sich am anderen Morgen die Tonbänder vorspielen ließ. Sie hat sich eine richterliche Erlaubnis zum Abhören der Hauptzeugin besorgt, befristet allerdings bis kommenden Freitag.

Andrea Hofwiesers Handy ist zu einer Empfangs- und Sendestation umgerüstet worden, während sie im Reisebüro war. Nicht nur ihre Telefongespräche werden aufgenommen, sondern überhaupt alle Gespräche im Umkreis von fünf Metern, die sie in den nächsten drei Tagen führen wird. Die richterliche Erlaubnis war in diesem Fall reine Formsache. Immerhin durften jetzt Daten wie diese, aber wesentlicher insbesondere der Email-Verkehr von Verdächtigen zehn Wochen lang gespeichert werden, was den Strafverfolgern ihre Arbeit gegen das organisierte Verbrechen erleichterte. Mehr als fünf Jahre lang hatten Befürworter und Gegner darüber gestritten, bis dann endlich Bundestag und Bundesrat das entsprechende Gesetz verabschiedet hatten.

Beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden wiederum staunt ein hoher Beamter, was die Zeitung aus den Informationen gemacht hat, die er gestern nach Berlin an einen Parteifreund durchgegeben hatte. Weil es sein Fachgebiet war, kannte er die betreffenden Akten über den Waffenfund und da las sich natürlich alles anders. Aber das konnte ihm egal sein. Was ihn ausschließlich interessierte, war eine Beförderung noch vor der Pensionierung, denn die bedeutete Bargeld für ihn, die war ihm als Gegenleistung versprochen worden. Noch vor der nächsten Wahl, hatte er sich auserbeten. Man wusste schließlich nicht, wer danach die Posten verteilen würde.

Karl Mulder glaubt kein Wort und hält das ganze für einen Einfall der eigenen PR-Abteilung. Er bewundert die Jungs dafür. Nach der Schlagzeile mit dem Nazi-Mörder war nämlich gesichert, dass die Beerdigung am Sonntag im Fernsehen gezeigt würde, obwohl das erwartete Spektakel um Le Pen ausfallen würde. Zumindest in den Privatsendern. Also kostenlose Reklame für die Partei.

Sein Handy klingelt. Er drückt auf Empfang. Eine blecherne, offensichtlich künstlich verzerrte Stimme: "Fragen Sie nicht, wer ich bin. Joachim kannte mich. Dies ist ein nachgetragener Freundschaftsdienst. Behalten Sie Schwarzkoff im Auge, haben Sie gehört? Schwarzkoff. Jens-Peter Schwarzkoff. Ich melde mich nie wieder."

Bevor der andere auflegen kann, schreit Mulder: "Hören Sie? Ich brauche Material. Hofwieser. Schwarzkoff. Verhöre. Protokolle. Hören Sie? Wie damals."

Die Leitung ist plötzlich tot und er nicht sicher, ob der ihn noch verstanden hatte. Mulder schrieb HOFWIESER und SCHWARZKOFF auf ein Stück Papier, in die Mitte FREYPEN und zeichnete zwischen den einzelnen Namen ein Dreieck. Passte. Aber wie? Und auf wen?

Der ehemalige Dresdner Kommissar Karl Mulder vergaß seine Trauer. Er fühlte sich gut. So gut wie vor ein paar Monaten, als er diesen Pädokriminellen, diese Sau, mit Doppelkorn abgefüllt und dann in die kalte Elbe geworfen hatte. Das genau meinte er gerade am Telefon, als er "Wie damals" brüllte. Damals hatte ihm sein Chef die Aussage des gerade bei der Razzia verhafteten Franzosen über den Tisch geschoben, wo der über mögliche Hintergründe von rechtsradikalen Ausschreitungen berichtete, um seine Haut zu retten.

Der Mann, der gerade angerufen hatte, musste derselbe sein, der sie damals mit dem Protokoll versorgt hatte. Sicher auch der Verfasser des seltsamen Faxes, das Mulder am Sonntag bekommen hatte. Da täuschte er sich zwar, aber woher sollte er das wissen.

Wenn Mulder in einer Stimmung war wie jetzt, machten seine Männer einen großen Bogen um ihn. Dann roch er selbst denen zu sehr nach Blut und nach Tod.

Und morgen lesen Sie: Die Chefermittlerin besucht ein Internat.

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