"Und erlöse uns von allen Üblen" #56 : Die Chefermittlerin muss zu ihrem Vorgesetzten

Bei den Ermittlungen im Mordfall Freypen ist der Name eines hohen Beamten gefallen Die Polizistin ist erschüttert. Ein Fortsetzungsroman, Teil 56.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Kleopatra hat schon in vielen Fällen Selbstjustiz geübt - durch Rufmord oder Mord. Die Gruppe agiert weiter unentdeckt.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 56 vom 10 August.

Peter McFerrer und er hatten nach der simplen Methode von seek and destroy, suchen und zerstören, im Namen von Kleopatra auf spektakuläre Art für Gerechtigkeit gesorgt. Beim Menschenschmuggel über das  Meer zwischen Afrika und Italien waren vierhundert Flüchtlinge ertrunken, weil die Besatzung den leck geschlagenen Seelenverkäufer per Speedboat verlassen hatte. Bezahlt war die Fracht schließlich - und wer kümmerte sich schon um die paar Iraker, Syrer, Pakistani die mit ihren Kindern jämmerlich untergingen? Einige hatten überlebt und der italienischen Küstenwache berichtet, dass sie fünftausend Euro pro Kopf dafür hatten bezahlen müssen, in Europa abgesetzt zu werden. Die Empörung der EU-Kommission dauerte zwei Tage, genau bis zu jenem Tag, als Putin überraschend die Halbinsel Krim besetzen ließ.

EUROPOL kannte zwar die meisten der für die Transporte verantwortlichen kriminellen Organisationen, aber deren führende Figuren, die eigentlichen Hintermänner, waren für die Beamten nicht zugreifbar. Sie agierten wie Global Player in der sauberen Wirtschaft, ohne an feste Ort gebunden zu sein, über Instagram, Facebook, Twitter. Hin und wieder gelang es, einen von denen, der zu unvorsichtig gewesen war, festzunehmen oder per Drohne und Rakete ins Jenseits zu befördern.

Peter McFerrer und Ruud van Rey saßen in Nizza bereits wieder in der Maschine nach Amsterdam, als im Hinterland der Cote d'Azur in der Nähe von St. Tropez die Villa eines dort im Exil lebenden Libyers, der gerade mit seinen Kumpanen beim Abendessen saß, in die Luft flog. Er hatte in den vergangenen Monaten am Menschenschmuggel, ganz egal nun, ob die Geschmuggelten ankamen am Ziel Lampedusa oder ob sie auf dem Weg dorthin ertranken, denn gezahlt werden musste beim Start der Seelenverkäufer, zwei Millionen Euro verdient. Netto. Er würde sie allerdings nicht mehr ausgeben können. Am Tag vor der Party hatten Techniker vom nahe gelegenen Wasserwerk die Leitungen im Haus überprüft. Ihre Overalls waren gekennzeichnet mit der Aufschrift "Distrubition des eaux de Provence", weshalb keiner vom Hauspersonal auf die Idee gekommen war, weiter nachzufragen. Sonst hätten sie festgestellt, dass es in der Nähe  gar kein Wasserwerk gab. Peter und Rudd konnten sich die beste Stelle für den Sprengstoff SEMEX aussuchen und den Zeitzünder mit ihrer Abflugzeit koordinieren. Der Hausherr dagegen flog noch vor dem Eintreffen seiner Gäste in die Luft.

In der Morgenlage bei EUROPOL wurden als Auslöser der Explosion türkische Gangster vermutet, die ihre arabischen Konkurrenten abschrecken wollten. Die französischen Ermittler vor Ort glaubten an eine interne Abrechnung unter Drogenhändlern. In Rom jedoch war der Geschäftspartner des Toten bleich geworden, als ihm via WhatsApp die tatsächlichen Zusammenhänge erklärt wurden und anschließend per Email in einer PDF-Datei Fotos und Adressen der Häuser gesendet wurden, die ihm in verschiedenen europäischen Ländern gehörten.

Genauer: gehört hatten. Denn in allen Fällen gab es jeweils ein Foto vorher und ein Foto desselben Objekts nachher. Wobei nachher bedeutete - als Ruine, nach einer

Brandstiftung.

Peter, Alain, Ruud und Lionel aber hatten sich am Meer in Scheveningen nicht etwa getroffen, um von alten Zeiten zu reden. Also herrschte gespanntes Schweigen, als Lionel zum letzten Mal mal einen Stein über die Wellen hüpfen ließ und sich dann zu ihnen umdrehte: "Wollt ihr nicht wissen, wie der aktuelle Stand der Ermittlungen in Sachen Freypen ist?"

 

Susanne Hornstein hat sich bei ihrem Vorgesetzten gemeldet, der - wie von ihr vermutet - schon wusste, dass sie zurück aus Berlin wieder in Bonn war. Am liebsten hätte Lawerenz sie sofort draußen in Meckenheim gesehen, aber sie schützte Termine vor, wollte in Wirklichkeit jedoch erst die Liste mit den Telefongesprächen in der Hand haben, die sie in Hamburg angefordert hatte. Die Liste der von Freypens Geheimnummern aus geführten Gespräche. Sie verabredete sich deshalb mit Lawerenz für den späten Nachmittag und bemühte sich erfolgreich, ihre Stimme dabei so normal wie sonst klingen zu lassen. Immer noch fühlte sie sich schlecht und matt, ihre übliche Reaktion auf solche Zustände, eine Zigarette zu rauchen, hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Sie wusste genau, es würde ihr erst besser gehen, wenn das Gespräch mit Bernhard Lawerenz überstanden war.

In einem spontanen Entschluss schaltet sie ihr Handy aus, um nur auf ihrer Mailbox erreichbar zu sein, setzt sich in ihren alten roten Mini, den sie nur noch für die kurze Strecke zwischen Meckenheim und Bonn benutzt, und fährt auf den Städtischen Friedhof, auf dem ihr Vater begraben liegt. Über eine Stunde lang bleibt sie auf der steinernen Bank sitzen und spricht mit ihm wie früher, als er noch antworten und sie trösten konnte. Danach fühlt sie sich besser. Bevor sie aufsteht, blickt sie sich vorsichtig um, entdeckt nur eine alte Frau, die an der Wasserstelle eine Kanne füllt, um auf einem Grab, wahrscheinlich schon ihrem eigenen, Blumen zu gießen. Schnell steckt das Mädchen Susanne eine ihrer Zigaretten in das Erdreich vor dem Grabstein, auf dem der Name Gerhard Hornstein steht. Falls du keine mehr hast, sagt sie leise und ein bisschen wehmütig, kommt sich dabei aber ganz normal vor.

Bernhard Lawerenz ist Zeit seines Lebens ein Mann der leisen Töne gewesen. Das, was man früher einen typischen Kanzleichef genannt hätte. Einen, der sich für die richtige Sache, und was richtig war, bestimmte nur der jeweilige Herrscher, hätte köpfen lassen. Heutzutage sind solche Typen Fraktionsgeschäftsführer oder Verwaltungsdirektoren. Sie werden nicht mehr geköpft, wenn ihre Chefs geschlachtet werden, sondern schwören gleich den jeweiligen Nachfolgern ewige Treue. Dadurch wirken sie unangreifbar, wenn auch nicht unsterblich. Keiner hat je erlebt, dass Lawerenz mal aus dieser Rolle gefallen ist. Er gilt als emotionslos, aber er ist nicht etwa innerlich kalt, er hat sich selbst nur nie gestattet, irgendwelchen Gefühlen nachzugeben. Den Verlust von Wärme hat er als Preis für seine Karriere akzeptiert, als es zu spät war, sogar begriffen, dass seine Frau deshalb an seiner Seite ausgetrocknet ist, bis sie eines Tages einfach tot neben ihm lag.

Weil er so groß ist und so schlank und in seinem schwarzen Haar nicht einmal eine graue Strähne, wirkt er zehn Jahre jünger als er tatsächlich ist. In wenigen Wochen, genauer: am Heiligen Abend, was ihn während seiner Kindheit viele Geschenke gekostet hat, wird er sechzig. Seit 2005 ist Lawerenz Chef der Abteilung Rechtsextremismus des Bundeskriminalamtes. Er war erste Wahl, als der Posten neu besetzt werden musste. Das hat zwar auch damit zu tun, dass er Mitglied der CSU ist, aber selbst Politiker der Opposition rühmten die Fähigkeiten des Verwaltungsjuristen, mit schwerfälligen Beamtenapparaten umzugehen. Dass er nie im aktiven Polizeidienst war und nie eine Ermittlung selbst geleitet hat, schränkte dieses Lob nicht ein.

Im Gegenteil: Eben weil er sich den Blick von außen bewahrt hat, ist ihm in der Vergangenheit vieles aufgefallen, was die eigentlichen Experten übersehen hatten. Das hat ihm Respekt eingebracht, bei Susanne Hornstein war es noch ein bisschen mehr als Respekt. Sie hat nicht vergessen, wie unbeirrbar er sie immer dann unterstützt und gefördert hat, wenn wieder mal die Klischees, dass bestimmte Posten für Frauen nicht geeignet sind, die Köpfe vernebelten. Anfangs war sie ihm eher zurückhaltend begegnet, weil sie fürchtete, dass Lawerenz, Witwer ohne Kinder, in ihr mehr sehen könnte als eine Untergebene. Das hatte sich schnell verflüchtigt, denn im Laufe der Jahre gab es nicht eine einzige entsprechende Andeutung von seiner Seite. Auf die Idee wäre er einfach nicht gekommen. Deshalb vertraute sie ihm mehr als jedem anderen Mann seit dem Tod ihres Vaters.

Bis zu ihrer Reise an den Bodensee. Bis zu ihrem Gespräch mit seinem Lehrer. Bis jetzt.

Und morgen lesen Sie: Ermittlerin Hornstein konfrontiert ihren Chef mir der Vergangenheit.

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