"Und erlöse uns von allen Üblen" #65 : Die Journalistin beginnt ein Spiel

Polizeireporterin Hofwieser recherchiert bei EUROPOL für ihr Buch. Sie ahnt nicht, dass sie den Freypen-Mörder trifft. Ein Fortsetzungsroman, Teil 65.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Polizeireporterin Andrea Hofwieser ist unwissentlich mit dem Freypen-Mörder verabredet. Auf dem Weg nach Den Haag wird sie beschattet von Leibwächtern des Ermordeten.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 65 vom 19. August.

Die drei Männer nimmt sie gar nicht wahr, die mit ihr vom Flughafen Shiphol in den Zug nach Den Haag steigen. Einer nickt ihr sogar zu, als würde man sich durch den gemeinsamen ersten Teil der Reise schon näher kennen. Sie holt einen dicken blauen Stift aus ihrer Tasche und markiert die verblüffendsten Aussagen des Referats. Verblüffend nicht für sie, die Journalistin, denn die ist so leicht nicht mehr zu verblüffen. Verblüffend, dass so etwas von Kriminalbeamten verfasst ist, wie sie der Autorenzeile entnehmen kann. Lionel Zartmann, Deutschland, Alain Retin, Frankreich, Ruud van Rey, Holland und Peter McFerrer, England. Die vier Namen schreibt sie sich auf einen Zettel.

"Viele von uns kennen aus eigener Erfahrung Fälle, in denen es geschickten Anwälten gelungen ist, die übelsten Ganoven vor einer gerechten Strafe zu bewahren. Gerecht war das nicht, nein, aber rechtens, denn das Gesetz stand auf ihrer Seite. Wir nennen hier nur als Beispiele Drogendealer, Waffenhändler, Kinderschänder, Menschenschmuggler, Terroristen. Man muss gar nicht in die Geschichte gehen - erwähnt seien hier nur Hunderte von deutschen Nazimördern, die nach dem Krieg untertauchten - , um die Frage zu stellen, ob unter gewissen Umständen und in gewissen historischen Situationen eine Art von Selbstjustiz erlaubt sein kann. Selbstjustiz  im Namen der Opfer. Immer dann, wenn es zwar eindeutige Beweise für die Schuld gibt, andererseits aber die Verbrecher sich durch Flucht einer Gerichtsverhandlung entziehen oder aber mit Hilfe ihrer ausgebufften Verteidiger freigesprochen werden.

Für die Auffassung, das Gesetz gelegentlich selbst in die Hand zu nehmen und für Gerechtigkeit zu sorgen, gibt es sogar moralische Begründungen, wie unsere willkürlich ausgewählten Beispiele belegen mögen. Beispiel: Millionen von Menschen hätten überleben können, wenn das Attentat gegen Hitler im Münchner Bürgerbräukeller geklappt hätte. Wäre der Attentäter Georg Elser ein Mörder oder ein Befreier vom Tyrannen gewesen? Fast vierhundert unschuldige Passagieren hätten ein friedliches Weihnachtsfest feiern können und wären nicht 1988 in der Luft über Lockerbie zerrissen worden, wenn die Attentäter zuvor von einigen Spezialisten selbst in die Luft gejagt worden wären. Hätte man die dann Mörder genannt? Beispiel: Ein fanatischer Iman predigt seinen Anhängern Hass und aus diesem Hass entsteht eine Pogromstimmung, die Tausende von unschuldigen Bürgern mit ihrem Leben bezahlen müssen, weil der Mob zur Tat schreitet. Ist der ein Mörder zu nennen, der diesen Prediger umbringt, bevor er Unheil anrichten kann?"

Die junge Frau liest vor allem diesen letzten Satz immer wieder und dann macht sie sich ein besonders dickes Zeichen an den Rand. Sie glaubt plötzlich, durch Zufall auch auf eine mögliche Begründung für die Ermordung Freypens gestoßen zu sein. Man musste nur Iman durch Politiker ersetzen und schon passte alles. Das kann nicht sein, weist sie sich selbst zurecht. Schaut noch einmal auf das Datum, an dem der Aufsatz veröffentlicht worden ist, Dezember 2007. Na also, vor fast acht Jahren verfasst. Was sollte das mit dem  Mord vom Oktober 2015 zu tun haben?

Das Fazit der Thesen, das alles wieder aufhebt, was zuvor so sensationell geklungen hatte, langweilt sie, denn nun wird es politisch korrekt:

"Dennoch hat niemand das Recht, in solchen Fällen am Gesetz vorbei für Gerechtigkeit zu sorgen, nur weil das Recht versagte. Wenn das Gewaltmonopol des Staates in Frage gestellt wird, herrscht allgemeines Chaos. Wer mordet, aus welchen angeblich guten Gründen auch immer, ist selbst nicht besser als der Mörder, den er auslöscht."

Aber es bleibt dieses merkwürdige Kribbeln im Bauch, auf eine unglaubliche Geschichte gestoßen zu sein. Ein Gefühl, dass Andrea Hofwieser von vielen ihrer Recherchen kennt. Solchen Gefühlen vertraut sie. Andere haben sie nie interessiert. Auf einmal kann es ihr nicht schnell genug gehen mit der Ankunft in Den Haag. Sie hat im Hotel des Indes in der Altstadt ein Zimmer reserviert. In der Halle sitzen ein paar ältere Damen, in einer entfernteren Ecke ein Mann, von dem hinter seiner Zeitung nur ein Stück seines braunen Haares hervorschaute.

Die Reporterin merkt nicht, dass er sie beobachtet, während sie an der Rezeption die Anmeldung ausfüllt. So treffen wir uns also doch wieder, denkt Lionel Zartmann, und lässt seine Zeitung sinken, als sich hinter Andrea Hofwieser die Fahrstuhltür schließt. Sie sah gut aus, viel besser als vor einer Woche in der Tiefgarage. Allerdings war das kein Wunder. Er bestellt sich beim Kellner noch einen weiteren Kaffee und scrollt dann auf seinem Smartphone die eingegangenen Emails durch.

Die Reporterin war mindestens ebenso gespannt auf ihn wie er auf sie. Wenn auch aus anderen Gründen: Er kannte sie zwar schon, hatte sie aber nur unter ganz anderen Umständen erlebt, wovon sie nichts ahnte, sie wiederum war nur nach Den Haag gekommen, um möglichst viel aus ihm herauszuholen. Er hatte eine Nachricht hinterlassen, dass er sie um zwanzig Uhr im Foyer abholen werde und damit die naheliegende Frage vermieden, wie er sie denn erkennen würde. 

Zartmann kannte nicht nur ihre Geschichte, er kannte sogar ihre Intimsphäre, ihre Wohnung, ihr Schlafzimmer. Andrea Hofwieser zögerte, ob sie ihr winziges Tonbandgerät mitnehmen sollte, entschied sich dann dagegen. Ein Hintergrundgespräch hatte sie erbeten, kein Interview. Nach dem Anruf des Portiers, sie werde von einem Herrn erwartet, blickte sie prüfend in den Spiegel und war zufrieden. Um Eindruck zu machen auf einen deutschen Beamten würde das allemal reichen.

Der schlanke, große Mann, der sich ihr als Lionel Zartmann vorstellt, als sie den Fahrstuhl verlässt, entspricht allerdings gar nicht ihrer Klischeevorstellung von einem spießigen deutschen Beamten. Sieht eher aus wie ein Manager oder ein Kunsthändler, auf jeden Fall gediegen, denkt Andrea Hofwieser fast erschrocken, freut sich aber spontan auf den kommenden Abend.

Zartmann ist wie immer britisch gekleidet, graue Flanellhosen, dunkelbraunes Jackett, einfarbige Krawatte. Die Hand, die er ihr reicht, ist trocken und kühl. So wie sie es mag. Sie registriert automatisch, dass er keinen Ehering trägt, und schnuppert den Hauch eines teuren Rasierwassers. Der Duft kommt ihr vertraut vor. Wahrscheinlich hat es irgendein Mann benutzt, der ihr mal näher gekommen war.

Auf den Gedanken, dass sie Lionel Zartmann schon einmal getroffen hat und vor allem bei welcher Gelegenheit, in der Tiefgarage nämlich, kommt sie selbstverständlich nicht. Sie kann keine Verbindung herstellen zwischen ihm und dem geheimnisvollen Kapuzenmann. Was wiederum er sofort bemerkt und innerlich triumphiert. Siehst du, sagt daraufhin der junge Lionel zum alten Zartmann, ich wusste es. Ich wusste es. Das Spiel kann beginnen. Und ich bestimme die Regeln. Bist du sicher? antwortet sein anderes Ich, bist du sicher, dass nach deinen Regeln gespielt wird?

Und morgen lesen Sie: Der Mörder entpuppt sich als guter Koch.

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