"Und erlöse uns von allen Üblen" #70 : Ein großes Mädchen kann alleine reisen

Die Polizeireporterin macht sich auf den Heimweg. Der Mörder muss ein Problem lösen. Ein Fortsetzungsroman, Teil 70.

Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Die Polizeireporterin verführt den Ermittler und Freypen-Mörder Zartmann. Er verrät sich nicht.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 70 vom 24. August.

Als Zartmann am anderen Morgen das Haus verließ, um an der Ecke frische Brötchen und ein paar Zeitungen zu holen, schließlich hatte er eine Journalistin zu Gast, fiel ihm der VW auf, in dem Mulders Männer saßen, halb hinter der Windschutzscheibe versunken. Grau sahen sie aus und schläfrig. Warum hatte sich die Kollegin Hornstein doch entschlossen, die Überwachung von Andrea Hofwieser auch in Den Haag fortzusetzen? Amateure, dachte der Beamte, Amateure, kein Wunder, dass die vom BKA in den letzten Jahren nicht gerade die größten Erfolge hatten. Er grinste. Sie traute ihm wohl nicht zu, seinen Auftrag, auch richtig zu erfüllen. Sich alles zu merken, was ihm an der Reporterin verdächtig vorgekommen ist. Womit sie nicht so falsch lag, wie er nach dieser Nacht zugeben musste. Gemerkt hatte er sich zwar so einiges, aber darüber würde er nie sprechen.

Andrea Hofwieser vermeidet sorgsam jede Berührung, als der fremde Mann, mit dem sie die Nacht verbracht hat, in seiner Küche steht und Kaffee kocht. Während er einkaufen war, hat sie, diesmal das richtige, Badezimmer benutzt und sich zurechtgemacht. Nun steht sie ein paar Meter von ihm entfernt und hält ein Honigbrötchen in der Hand, nein, sie will sich nicht mit ihm hinsetzen. Sie wirkt kühl, aber sie ist unsicher, wie sie sich verhalten soll. So tun, als ob nicht gewesen wäre außer eben einer Art besonderem Nachtisch? Ihn zum Abschied küssen und wie im Kino auf bald hauchen? Sie schüttelt sich. Ihn wieder siezen wie am Beginn des gestrigen Abends? Dass sie ihn für einen Mörder gehalten hat, kommt ihr inzwischen wie ein blöder Einfall vor. Es gibt schließlich Tausende von solchen grünen Sporttaschen und Tausende von solchen Jogginganzügen. Wahrscheinlich hätte sie eine Woche nach der versuchten Vergewaltigung in jedem Mann einen Mörder vermutet. Er unterbricht sie und wieder stellt sie erstaunt fest, dass Zartmann ihre Gedanken lesen kann.

"Wir fahren am Hotel vorbei und dann anschließenden zum Flughafen nach Amsterdam", sagt er nur, und damit hat er ebenso wie sie eine Entscheidung vermieden. Duzen oder siezen. Die Nacht als einmaligen Ausrutscher vergessen oder um eine baldmögliche Wiederholung bitten. Bevor sie antworten kann, scheint er sich auf seine Art entschlossen zu haben, ohne Worte. Er küsst sie auf die Wange und sie zuckt nicht zurück: "Wir haben gar nicht alles besprechen können für dein Buch, Andrea. Da wird es sich wohl nicht vermeiden lassen, dass wir uns noch einmal treffen, meinst du nicht?" Er schenkt ihr Kaffee nach und macht dann die Geste des Rasierens, bevor er ins Badezimmer geht: "Bin sofort zurück."

Drückt dort statt sich zu rasieren auf seinem Handy die Nummer, die ihm Susanne Hornstein gegeben hat. "Zartmann hier. Ja, sie war hier. Erzähle ich Ihnen später. Wenn ich sie zum Flughafen gebracht habe. Viel wichtiger: Sie sollten Ihre Leute besser ausbilden. Die stehen vor meinem Haus, und fallen jedem Depp auf, so ungeschickt, wie die sich anstellen. So auffällig, wie die observieren. Wir haben uns hier bei mir unterhalten , weil ..." Merkt dabei, wie geradezu peinlich und seltsam das jetzt am Morgen danach klingt, aber es ist ihm andererseits auch herzlich egal. Die Beamtin in Hamburg geht sein Privatleben nichts an, selbst dann nicht, wenn er es vorübergehend mit einer möglicherweise Verdächtigen teilt.

"Meine Leute sind nicht in Den Haag", fährt Susanne Hornstein unhöflich dazwischen, denn ihre Laune ist nicht so gut. Aus anderen Gründen, aber das wiederum geht Zartmann nichts an. Sie weiß einfach nicht, warum sie sich so hat gehen lassen. Das heißt, sie weiß es schon, sie kann es erklären, Schuldgefühle wegen Lawerenz und Angst, mit diesen Selbstvorwürfen allein zu sein. Aber das würde sie allenfalls bei anderen als Grund gelten lassen, sich selbst lässt sie solche menschlichen Schwächen nicht durchgehen. Eine Nacht mit Krucht. Mit einem Kollegen. Frau Kriminaldirektor mit Herrn Kriminalrat. Wie soll sie dem jetzt begegnen? Fragen, die sich vor ein paar Minuten weit entfernt von ihr eine ganz andere Frau, Andrea Hofwieser, in ähnlichem Zusammenhang ebenfalls gestellt hat. Allerdings würde sich Andrea ein flüchtiges Abenteuer nie vorwerfen, sondern schlicht vergessen.

"Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir sie in Den Haag nicht überwachen können. Wahrscheinlich sehen Sie Gespenster." Nach dieser Antwort ist Lionel Zartmann hellwach. Der kühle Beamte. Der ausgebuffte Experte. Der erfahrene Kripomann. Vergessen diese seltsame Situation hier in seinem Badezimmer, vergessen die rothaarige Frau draußen, die ihm gestern noch fremd war. Fast fremd, korrigiert er sich und denkt an die Szene in der Tiefgarage. "Wenn es nicht Ihre Leute sind, Frau Hornstein", beendete er das Gespräch, "dann haben wir wahrscheinlich ein Problem. Ich melde mich wieder." Drückt sofort auf eine gespeicherte Nummer: "Alain? Nein, tut mir nicht leid. Wach auf. Und zwar schnell. Vor meinem Haus steht ein VW Golf, dunkelblau, mit zwei verdächtigen Figuren drin. Keine Ahnung. Mir fiel es nur auf. Könnte etwas mit einem Fall zu tun haben, den ich im August in Brüssel untersucht habe. Millionenbetrug mit vergammeltem Fleisch. In der Branche gibt es viele finstere Typen. Kurzhaarig, muskelbepackt. Kalte Gesichter, sehen wirklich übel aus. Ich will ja nicht im Fleischwolf enden oder in einer Jauchegrube. Nein, ganz sicher bin ich nicht. Pass auf, ich muss gleich los, Richtung Schiphol. Wenn die mir folgen, liege ich richtig . Dann solltest du entsprechend. Ja, ich melde mich von unterwegs."

Andrea Hofwieser sitzt am Fenster, als er aus dem Bad kommt, er sieht sie nur von hinten. Über ihrem Kopf eine sich kräuselnde Rauchwolke. Sie dreht sich zu ihm um, drückt ihre Zigarette aus. Auch sie hat einen Entschluss gefasst, obwohl sie einen Augenblick lang schwankt, als sie auf ihn zugeht und dabei feststellt, dass er sich wohl nicht besonders gut rasiert hat. Dunkle Flecken. Egal, geht sie nichts mehr an: "Meine Maschine startet um viertel vor elf. Ich muss los. Aber ich will Sie nicht noch einmal missbrauchen. Sie können mir ein Taxi rufen, wenn es zu viel Mühe macht oder Sie woanders erwartet werden." Bei dem Wort missbrauchen zögert sie einen Moment, weil es ihr doch irgendwie unpassend scheint. So hat sie sich in der vergangenen Nacht eigentlich nicht gefühlt. Auch gut, denkt Zartmann, ist vielleicht doch besser so. Macht alles einfacher und wer weiß, was sie noch alles aus mir rausgeholt hätte: "Selbstverständlich werde ich Sie hinbringen, Frau Hofwieser. Bei EUROPOL weiß man, was sich einer Dame gegenüber gehört." Lacht dabei ein wenig zu laut und zu falsch, was sie aber richtig versteht. Er will es nicht nur sich, sondern auch ihr leichter machen. Fügt hinzu und so leise, dass sie genau hinhören muss: "Im übrigen werde ich nicht erwartet. Nirgends."

Auf dem Weg zum Airport hält er kurz am Hotel Des Indes. Parkt direkt am Eingang, bis sie ihr Gepäck geholt und das unbenutzte Zimmer bezahlt hat. Zartmann sieht dabei im Rückspiegel, dass der dunkle VW Golf an der nächsten Ecke gestoppt hat. Ein dritter Mann öffnet gerade die hintere Tür des Wagens, er hat einen kleinen Computerkoffer in der Hand und eine große Reisetasche. Zartmann pfeift kurz durch die Zähne und steigt aus. Er schaut ostentativ auf seine Uhr, als würde er ungeduldig auf jemand warten, steckt sich eine Zigarette an und während er die Flamme des Feuerzeuges gegen den Wind schützt, fixiert er unauffällig das Nummernschild des Autos , merkt sich das Kennzeichen. Er weiß, dass ihn die Männer beobachten, deshalb spielt er weiter die Rolle des Genervten , dem das Herumstehen zu lange dauert und setzt sich schließlich wieder ans Steuer seines Morgan. Drückt eine Taste seines Telefons, das im Lenkrad eingebaut ist und bekommt sofort eine Verbindung zu Retin. Er gibt ihm das Kennzeichen durch: "Checkt mal, auf wen der zugelassen ist. Am besten, ihr schnappt sie euch am Flughafen. Ich fahre gleich los."

Wieder steigt er aus, diesmal aber ist nichts gespielt, alles echt. Er nimmt Andrea Hofwieser ihren Koffer ab, hält ihr höflich die Tür zum Beifahrersitz auf und startet seinen Wagen. Sie sitzt so weit wie möglich von ihm entfernt, eng an ihre Tür gepresst, und sie schweigt während der ganzen Fahrt. Zartmann teilt ihr Schweigen, aber aus ganz anderen Gründen. Wer sind diese Typen? Im Rückspiegel überprüft er ab und zu, ob der Golf noch zu sehen ist. "Sie müssen mich nicht an den Schalter bringen", sagt sie, als er in Amsterdam vor dem riesigen gläsernen Eingang hält, "ich bin ein großes Mädchen und kann schon ganz alleine reisen."

"Wie Sie wollen, großes Mädchen", erwidert Zartmann, "aber die Tür werde ich Ihnen doch aufmachen dürfen?" Er wartet ihre Antwort nicht ab. Steht wie ein guterzogener Junge im offenen Hemd und Blazer da, hält ihren Koffer. Sie streckt ihm ihren rechten Arm entgegen, um das Gepäck zu übernehmen. Er nimmt ganz vorsichtig ihre Hand, führt sie zum Mund und berührt sie mit seinen Lippen: "Vielleicht sehen wir uns irgend­wann mal wieder?" Andrea scheint zu zögern, weil seine Stimme so kühl dabei klingt, so geschäftsmäßig, so falsch wie aus einem Werbespot. Hast du vielleicht was anderes erwartet? sagt sie zu sich selbst und will ihre Antwort nicht hören. In dem Augenblick spürt sie erneut seine Lippen und weiß plötzlich, dass Lionel seine Stimme verstellt hat. Mehr nicht. Da nickt sie, als würde es sie keine große Überwindung kosten: "Vielleicht, ja, vielleicht, bestimmt." Wird rot bei dieser schwachsinnig verräterischen Antwort und geht schnell in das Flughafengebäude. Dreht sich erst noch einmal um, als sie sicher sein kann, in der Menge nicht mehr gesehen zu werden. Entdeckt Lionel Zartmann, der immer noch vor seinem Auto steht und in die Richtung schaut, in der sie verschwunden ist.

Und morgen lesen Sie: Der Mörder legt eine falsche Spur.

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