"Und erlöse uns von allen Üblen" #84 : Der Mörder gibt sich keine Blöße

Der Mörder des Rechtsnationalen Freypen erfährt von der Verhaftung des Verlegers. Die Polizei bitte ihn um Hilfe. Ein Fortsetzungsroman, Teil 84.

von
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: Verleger Schwarzkoff ist festgenommen worden. Sein Butler sucht das Gespräch.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 84 vom 7. September.

Andrea Hofwieser ist gerade im Bad, als sie die Stimme Lionel Zartmanns auf dem lautgestellten Anrufbeantworter hört. Sie lässt alles fallen und meldet sich atemlos. "Ich habe deine Nachricht erhalten und ...", will Zartmann gerade seinen Satz vollenden, als sie ihn unterbricht. Es fällt ihr gar nicht auf, dass er sie wie selbstverständlich geduzt hat und ebenso selbstverständlich antwortet sie: "Welche Nachricht meinst du?"

"Die von vorhin, dieses kurze Atmen", sagt Lionel, und sie kann sich vorstellen, wie er dabei grinst.

"Ach, und du glaubst, dass ich das gewesen bin? Dir einfach mal aufs Band geatmet habe? Mich nicht getraut habe, dir etwas zu sagen?"

"Ich bin sicher, dass du es gewesen bist. Dein Atmen kann ich von allen anderen unterscheiden."

Ein paar Sekunden lang hat sie das Gefühl, gerade eine Art von Liebeserklärung gehört zu haben. Sofort wird sie wieder geschäftig, professionell. Nichts mit Gefühlen, denkt sie, bloß nichts mit Gefühlen. Das hatten wir uns doch vorgenommen . "Ich hatte deinen Beruf vergessen. Ich hatte vergessen, wie klug du doch bist. Ich hatte ..."

"... du hattest mich schon vergessen, wolltest du das sagen?", fragt Lionel Zartmann nach und lässt sich überhaupt nicht beeindrucken durch ihre scheinbare schnippische Gelassenheit: "Ich übrigens habe dich nicht vergessen, Frau Hofwieser, ich meine, ich habe dein Buch nicht vergessen, Andrea. Ich habe dir doch versprochen, mich noch einmal zu melden, falls du Fragen hast. Und hiermit melde ich mich."

"Wie kommst du auf die Idee, dass ich Fragen habe?"

"Nur so eine Idee. Vielleicht haben wir ja doch etwas gemeinsam. Die Fragen?"

Andrea Hofwieser ist froh, dass er sie nicht sehen kann. Sie geht mit dem Apparat zurück ins Badezimmer, stellt das Wasser ab und schaut in den Spiegel. Irgendwie siehst du gerade aus wie eine glücklich lächelnde Kuh, denkt sie. Kuh streichen wir. Glücklich lächelnd ist schlimm genug. Lionel ist ebenfalls froh, dass sie ihn nicht sehen kann, aber er grinst nicht etwa blöde vor sich hin wie sie. Er ist ganz ernst. Als habe er gerade einen Heiratsantrag gemacht und von der Antwort hinge sein Leben ab. Weil er die Antwort eigentlich aber doch nicht hören will, gibt auch er sich wieder professionell und nur an Tatsachen interessiert , nicht an irgendwelchen Gefühlen.

"Kommst du denn voran mit deinem Buch?"

"Es geht so. Ich wollte dir eigentlich was ganz anderes erzählen, dass mich deine Kollegin besucht hat gerade, die Susanne Hornstein. Es sieht wohl so aus, dass sie eine Spur hat vom Mörder Freypens. Eine ziemlich heiße Spur sogar. Interessiert dich das"«

"Ich bin Polizist, Mord interessiert mich immer", antwortet er kühl. Eine Spur vom Mörder Freypens ist allerdings vor allem interessant für den Mörder Freypens. Aber das ahnt Andrea Hofwieser nicht. Oder etwa doch?

"Also, sie hat meinen Verleger in Verdacht. Nicht als Schützen, das geht ja wohl schlecht, weil der für die Tatzeit mich als Alibi hat. Er war nämlich mit mir an diesem Abend bei einer Party. Hatte ich dir das nicht erzählt? Er soll einen Mörder gedungen haben, so nennt man das wohl in eurer Fachsprache, und der hat aus meiner Wohnung dann den Freypen erledigt. Klingt das nicht wahnsinnig?" Zartmann schweigt, aber das nimmt Andrea Hofwieser nur als Aufforderung, ihre Geschichte weiter zu erzählen: "Er hat versucht, sich herauszureden, und man glaubt es nicht, was ihm dabei eingefallen ist."

Sie wartet. Wenn Lionel jetzt auch nur die geringste Andeutung macht, nur den geringsten Fehler, indem er etwas sagt, was er nicht wissen kann, weil das nur der Mann wissen kann, der in der Tiefgarage war, dann hat sie ihn doch noch an der Angel. Dann war die grüne Sporttasche in seiner Wohnung doch kein Zufall.

"Du sagst gar nichts, hat es dir die Sprache verschlagen?", fordert sie ihn heraus.

"Ich warte auf die Geschichte, Andrea, ich warte nur auf dich." Wieder hat er seine Antwort so formuliert, dass man sie auch anders interpretieren kann. Das versteht sie sogar jetzt, wo sie eigentlich nur gespannt ist auf einen Fehler. Ein Mann, fällt ihr dabei ein, der keine Fehler macht, den gibt es doch gar nicht. Zumindest hat sie bisher noch keinen getroffen.

"Er hat behauptet, in der Tiefgarage hier im Haus niedergeschlagen worden zu sein, als er in der Mordnacht versucht hat, mich auf der Motorhaube seines Jaguars zu vergewaltigen. Mich zu vergewaltigen, man stelle sich das vor. Auf der Motorhaube. Und er behauptet, nur der Mörder könne ihn niedergeschlagen haben."

"Ich stelle mir das gerade vor, aber stimmt die Geschichte denn? Kann man so etwas denn erfinden?"

Wieder mal ist sie sicher, dass er keine Ahnung hat. Dass er nicht in der Tiefgarage war. Dass er wirklich nicht ihr Mörder ist. So kann sich niemand verstellen. "Natürlich stimmt das nicht. Alles frei erfunden. Ich werde doch nicht vergessen, dass mich einer vergewaltigen wollte. Daran würde selbst ich mich erinnern", lügt sie schamlos und er lauscht auf ihren Tonfall. Auch nicht anders als sonst. So klingt das also, wenn du lügst, denkt er.

"Aber warum hat er sich das alles ausgedacht?"

"Er brauchte wohl dringend ein Alibi für die Zeit nach dem Mord. Soviel ich verstanden habe, ist er in dieser Nacht erst morgens um drei Uhr oder so nach Hause gekommen. Angeblich habe er sich an nichts mehr erinnern können, nachdem er niedergeschlagen wurde. Sei erst viele Stunden später in seinem Auto wieder aufgewacht, das an einem Park in Hamburg stand. Na ja, kein Wunder, dass Susanne das nicht glaubt, das würde ich auch nicht glauben, wenn ..."

" ... wenn?"

Aber auch sie fällt nicht darauf herein. Wenn ich nicht so genau wüsste, dass alles stimmt, was er erzählt, hätte sie eigentlich den Satz beenden müssen.

"Wenn ich an ihrer Stelle den Fall aufklären müsste."

Lionel Zartmann scheint es auf einmal eilig zu haben, denn er beendet das Gespräch so abrupt, dass Andrea Hofwieser glaubt, sich alles nur eingebildet zu haben, was sie zwischen seinen Sätzen unausgesprochen gehört hatte. Wenn er nicht nur an ihrem Buch, sondern auch an ihr interessiert wäre, hätte er doch die Chance benutzt, über ganz andere Sachen mit ihr zu reden. "War schön, mal wieder dein Atmen zu hören", sagt er und legt gleich auf.

Kriminaldirektor Lionel Zartmann hatte es in der Tat eilig. Zum ersten Mal in den vergangenen Jahren gab es ein echtes Problem für Kleopatra. Eines, mit dem sie nie gerechnet hatten, weil so etwas gar nicht vorgesehen in ihren selbstbestimmten Regeln. Falls wirklich in Hamburg dieser Verleger als Drahtzieher des Attentats auf Freypen verhaftet werden würde, und so sah es nach den Erzählungen Andreas aus, dann mussten sie sich schnell was einfallen lassen. Der Mann war unschuldig und er, der Mörder, wusste das. Aber außer dem Mörder konnte das keiner wissen, also wie kam man aus dieser Zwickmühle heraus?

Es war eben doch ziemlich blöde von dir, sagte der alte Lionel, damals in der Tiefgarage nicht sofort zu verschwinden und das Mäd­chen seinem Schicksal zu überlassen. Das Mädchen, antwortete der junge Lionel, ist nicht irgendein Mädchen. Für dich vielleicht, aber nicht für mich. Wenn ich deinem Rat wirklich gefolgt wäre, dann hätte ich sie nie kennengelernt. Dann würde ich mich jetzt noch viel beschissener fühlen. Nämlich schuldig. Das Geschehen in der Tiefgarage war eine moralische Herausforderung, dies jetzt ist nur eine Herausforderung für den Verstand.

Er wählte die Nummer von Susanne Hornstein und hatte sie sofort in der Leitung. "Ach, Sie sind es, Herr Kollege. Ein wunderbarer Zufall. Gerade wollte ich Sie anrufen und Ihnen erzählen, dass wir die erste Verhaftung im Fall Freypen gemacht haben. Einen gewissen Jens-Peter Schwarzkoff, Verleger in Hamburg, ein alter Schulfreund des Opfers. Er hat wohl den Mord in Auftrag gegeben."

"In Auftrag gegeben? Und aus welchen Grund?", fragte Zartmann zurück und war froh, dass Susanne Hornstein offensichtlich nicht auf die Idee gekommen war, sich zu wundern, dass er gar nicht überrascht war von ihrer eigentlich doch sensationellen Mitteilung.

"Eine seltsame Geschichte. Vor vierzig Jahren waren er und Freypen und ..." Sie stoppte, weil es ihr plötzlich wie Verrat an Bernhard Lawerenz vorkam, den auch nach seinem Tod noch mit dieser Affäre in Verbindung zu bringen. Musste nicht unbedingt bekannt werden, denn Zartmann hatte ihren Chef ebenfalls gekannt: "Schwarzkoff ging ins Internat in Salem, hatte als Freundin ein Mädchen aus dem Dorf. Siebzehn Jahre jung. Er hatte sie geschwängert und wollte sie loswerden. Hat sie aller Wahrscheinlichkeit nach, aber das ist heute nicht mehr endgültig zu beweisen, im Bodensee ertränkt. Ermordet also. Die anderen haben ihn gedeckt und seine Aussage, dass es ein Unfall gewesen ist, durch ihre Aussagen bestätigt. Wie gesagt, vierzig Jahre her. Alles schien wohl vergessen, bis Freypen plötzlich erkannte, was er mit dem Wissen von damals anfangen konnte. Nach unserer Meinung hat er Schwarzkoff erpresst, der sollte für seine Partei in seiner Zeitung eintreten und in seinem Sender. Andernfalls würde er ihn hochgehen lassen. Schwarzkoff hat wohl keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als den Erpresser zu töten."

"Er hat den Erpresser getötet? Schwarzkoff selbst?"

"Töten zu lassen, muss ich wohl besser sagen, denn er selbst kann es nach unseren Ermittlungen nicht gewesen sein. Deshalb wollte ich Sie gerade anrufen, Herr Zartmann. Könnten Sie mal durch alle Dateien gehen in Richtung Berufskiller und Auftragsmörder? Schwarzkoff hat sich höchstwahrscheinlich seinen Mörder in den entsprechenden Kreisen besorgt."

Zartmann versprach, sich darum zu kümmern. Fast erleichtert und fröhlich kam er Susanne Hornstein dabei vor, aber sie konnte sich ebenso gut auch täuschen. Hatte bestimmt einen ganz anderen Grund, so fröhlich zu sein, sagte sie sich und dachte im nächsten Moment, als Georg Krucht ins Zimmer trat, schon nicht mehr daran.

Und morgen lesen Sie: Die Witwe des Ermordeten glaubt nicht an die Version der Polizei.

Hier geht's zur Themenseite, auf der alle Teile von "Und erlöse uns von allen Üblen" nach und nach veröffentlicht werden.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar