Unicef : Tausenden Roma-Kindern droht Abschiebung in den Kosovo

Rund 5000 Kinder aus Roma-Familien und von zwei weiteren ethnischen Minderheiten sollen in den kommenden Jahren aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben werden. Laut einer Unicef-Studie gehen die meisten von ihnen dort nicht zur Schule.

Tom Koenigs, Vorstandsmitglied von Unicef, stellt eine Studie zur Lage der Roma-Kinder in Deutschland und im Kosovo vor.
Tom Koenigs, Vorstandsmitglied von Unicef, stellt eine Studie zur Lage der Roma-Kinder in Deutschland und im Kosovo vor.Foto: dpa

Die meisten abgeschobenen Roma-Kinder hätten im Kosovo kaum eine Perspektive auf Schulbildung, medizinische Versorgung und gesellschaftliche Integration. Dies ergab eine am Donnerstag in Berlin vorgestellte Studie der UN-Kinderhilfsorganisation zur Lage von Roma-Kindern in beiden Ländern. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Tom Koenigs forderte bei der Vorstellung der Untersuchung daher: „Die Rückführungen müssen gestoppt werden." Zugleich plädierte das Unicef-Vorstandsmitglied dafür, dass die gut integrierten Kinder und Jugendlichen in Deutschland ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten.

Fast die Hälfte der rund 12.000 von der Rückführung Bedrohten sind nach Unicef-Angaben Kinder und Jugendliche. Laut der Studie besuchen drei von vier Kindern, die bislang in Deutschland zur Schule gingen, im Kosovo keinen Unterricht mehr. Armut, fehlende Schulzeugnisse aus Deutschland und Sprachbarrieren seien die häufigsten Gründe. Die größtenteils in der Bundesrepublik geborenen und aufgewachsenen Kinder sprächen kaum Albanisch oder Serbisch.

Diese Kinder könnten sich meist nicht verständigen und verlören fast alle sozialen Kontakte, sagte Johannes Wedenig, Leiter von Unicef Kosovo. „Die Abschiebung raubt ihnen fast jede Chance auf eine bessere Zukunft. Viele Familien versuchen deshalb verzweifelt und um jeden Preis, in die Bundesrepublik zurückzukehren.“ Im Durchschnitt lebten die befragten Familien 14 Jahre in Deutschland, fast zwei Drittel der Kinder sind hierzulande geboren und aufgewachsen.

Der Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Wolfgang Benz, bezeichnete die Ergebnisse der Untersuchung „besorgniserregend“. Die Studie belege, dass „das Wohl der Kinder nicht im Mittelpunkt der deutschen Flüchtlingspolitik“ stehe. So hätten die Befragungen der Familien im Kosovo ergeben, dass 41 Prozent ihrer in Deutschland geborenen Kinder keine Geburtsurkunden besäßen, sagte Mitautorin Verena Knaus. „Sie gelten deshalb als staatenlos, werden damit von den Behörden bei der Schulpflicht, bei Impfungen oder bei der Sozialhilfe nicht berücksichtigt.“

Die Bundesregierung hatte im April ein Abkommen mit der kosovarischen Regierung unterzeichnet, das die Rückführung von ausreisepflichtigen Personen aus dem Kosovo regelt. Rund 10.000 Angehörige der Roma und 2000 Ashkali- und Kosovo-Ägypter könnten von dieser Regelung betroffen sein. Die meisten Roma waren in den frühen
90er Jahren geflohen, als Jugoslawien in Bürgerkriegen zerfiel. Weitere Flüchtlinge kamen infolge des Kosovo-Krieges 1998/1999. Der größte Teil der von Abschiebung bedrohten Roma lebt heute in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Die Roma im Kosovo sind laut Unicef die ärmste Volksgruppe im ärmsten Land
Südosteuropas. Zwei Drittel der Roma-Kinder leben dort in Armut. (ddp)

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