Unruhen im Kosovo : Nato sorgt für Ruhe - nicht für Frieden

Die Lage in der geteilten Stadt Mitrovica im Norden des Kosovo hat sich wieder beruhigt - Nato-Soldaten haben die Kontrolle übernommen. Ein niederländischer Fotograf, der sich derzeit im Kosovo aufhält, bezeichnet die Situation aber als gespannt. Eine Antwort scheint derzeit niemand zu haben – auch die internationalen Truppen nicht.

Nicole Meßmer
Ausgebranntes Auto Mitrovica
Mitrovica nach den Ausschreitungen. -Foto: AFP

BerlinUm viertel vor eins gehen die Serben in Mitrovica auf die Straße und demonstrieren. Sie erinnern an die Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrats, die 1999 nach dem Kosovo-Krieg die Stationierung der Unmik-Truppen besiegelte, aber der Bundesrepublik Jugoslawien auch ihre territoriale Unversehrtheit zusichert.

Gerade erst ist wieder Ruhe eingekehrt in der Stadt im Norden des Kosovo, nachdem die Situation nach der gewaltsamen Räumung eines Gerichtsgebäudes durch die internationalen Truppen eskalierte. Am Freitag hatten aufgebrachte Serben das Kreisgericht gestürmt und Polizisten vertrieben. Um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, setzten Soldaten Tränengas ein und feuerten Warnschüsse in die Luft. Die Zufahrtsstraßen nach Mitrovica wurden abgeriegelt. Die Menge wehrte sich mit Steinwürfen und Molotow-Cocktails.

Jeppe Schilder ist freier Fotograf und hält sich derzeit im Kosovo auf. Am Dienstag ist er nach Mitrovica gefahren, um Bilder von der Demonstration zu machen. Lange sei er sich nicht sicher gewesen, ob er fahren sollte, sagt er im Gespräch mit tagesspiegel.de. Letztlich konnten er und ein Kollege dann aber doch nicht widerstehen, fuhren nach Mitrovica, machten ihre Fotos und verließen die Stadt sogleich wieder. "Die Lage ist sehr angespannt", erklärt er.

Ein Toter und mehr als 150 Verletzte lautet die traurige Bilanz der Unruhen. Bislang handelt es sich um einen Einzelfall: "Was gestern in Mitrovica geschehen ist, ist nicht repräsentativ für das gesamte Kosovo", schildert der Fotograf seine Eindrücke aus dem Alltag im Kosovo. In den übrigen serbischen Enklaven sei die Situation ruhig.

Eine Reihe von Fragen bleibt weiterhin ungelöst

Doch die Serben sind wütend: "Mit Panzern auf unbewaffnete Serben" titelte die größte Zeitung Serbiens "Novosti" am Dienstag in Belgrad. "Brutaler Angriff der Unmik auf das Gericht in Mitrovica" schreibt auch die angesehene Zeitung "Politika".

"Ihr Zorn richtet sich vor allem gegen die internationale Truppenpräsenz, weil sie glauben, das Kosovo gehöre ihnen", erklärt Schilder die Situation. Aus dem Umfeld der Vereinten Nationen ist zu hören, dass Serbien die Übernahme der Verwaltung in den serbischen Enklaven anstrebt. Ginge es nach den Serben in Mitrovica, würden sie sich vom Kosovo lossagen, um sich wieder dem "Mutterland" Serbien anzuschließen.

Doch was geschähe dann mit den übrigen Gebieten im Kosovo, in denen Serben leben? Und was mit den Regionen in Serbien, in denen wiederum in erster Linie Albaner leben? Eine Antwort darauf scheint momentan niemand zu haben – auch die internationalen Truppen nicht: So reagierte etwa Kfor-Befehlshaber Xavier Bout de Marnhac eher dünnhäutig auf die jüngsten Unruhen: "Auf unsere Soldaten wurde geschossen und wir werden so was nicht tolerieren." Es bestehe nicht die Absicht, die Stadt unter Militärrecht zu stellen, doch bei den Krawallen seien rote Linien überschritten worden.

In Mitrovica haben französische, belgische und spanische Nato-Soldaten wieder die Kontrolle übernommen, die serbischen Polizisten wurden aufgefordert, ihren Dienst auszusetzen. Die größte Brücke über den Fluss Ibar, der die Grenze zwischen den von Albanern und Serben bewohnten Teilen des Kosovo bildet, ist mit Stacheldraht abgesperrt. Wer unbedingt auf die andere Seite muss, muss eine der anderen Brücken benutzen. Panzer und Soldaten dominieren das Stadtbild. Doch Schilder ist sich sicher, dass die Gewalt wieder aufbrechen wird. Nicht morgen und nicht übermorgen – dafür ist die Präsenz der Soldaten und Panzer im Moment zu übermächtig. Aber eines Tages mit Sicherheit.

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