Politik : Unruhen im Nahen Osten: Mit dem Gespür für Demütigung

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Kurzfristig hat Ariel Scharon sein Ziel erreicht. Es fließt wieder Blut in Nahost. Der israelische Oppositionsführer hat mit seinem Besuch auf dem Vorplatz der Moscheen auf dem Tempelberg, dem nach Mekka und Medina dritten Heiligtum der Moslems, die Palästinenser gezielt provoziert. Formal wollte der Hardliner damit wohl seinem eigenen Lager signalisieren, dass er keine Konzessionen eingeht, selbst dann nicht, wenn er nach der Sommerpause in eine große Koalition eintreten sollte. Damit hat der Mann, der für die Massaker von Sabra und Schatila verantwortlich ist, die christliche Milizen unter den Augen der Israelis in palästinensischen Flüchtlingslagern in Libanon anrichteten, seinen Zynismus erneut unter Beweis gestellt. Und die Unverantwortlichkeit eines Teils der israelischen Politikerkaste, deren für Außenstehende kaum nachzuvollziehenden innenpolitischen Querelen eine ständige Gefahr für den Friedensprozess sind. Auf palästinensischer Seite brauchte es wiederum nur noch diesen Funken, um dem Frust und der Enttäuschung der letzten Wochen Luft zu machen. War bei den Verhandlungen in Camp David doch klar geworden, dass die Israelis kaum zu Zugeständnissen in territorialen Fragen und bei den Flüchtlingen bereit sind. Dennoch wurde die für den 13. September geplante Ausrufung eines Palästinenserstaates verschoben. Die Palästinenser schluckten all dies. Aber dann kam Likud-Chef Scharon mit seinem untrüglichen Gespür für Demütigung. Sicher hat Palätinenserpräsident Jassir Arafat die Gewaltausbrüche geduldet, vielleicht gar unterstützt. Sie zeigen Israel, dass auch Arafat aus innenpolitischen Gründen bestimmte rote Linien nicht überschreiten kann. Die Tatsache, dass Arafat nicht auf ein demokratisches Gemeinwesen Rücksicht nehmen muss, wird auf israelischer Seite oft als Argument dafür genutzt, dass er mehr Zugeständnisse machen kann als Ehud Barak. Außerdem muss nun der Vorwurf, Israelis würden gezielt auf die Köpfe schießen, von einer Kommission untersucht werden. Trotz alledem hat Ariel Scharon sein mittelfristiges Ziel nicht erreicht: Die Verhandlungen werden weitergehen. Bis zur nächsten Provokation.

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