Unruhen : Nacht der Plünderungen auf Tropeninsel Madagaskar

Die vor Afrikas Ostküste gelegene bitterarme Tropeninsel Madagaskar wurde am Montag unvermittelt zum Schauplatz einer Orgie aus Chaos und Gewalt. Auslöser waren Bereicherungen des Staatspräsidenten während seiner Amtszeit.

Klaus Heimer[dpa]
Madagaskar
Aufgebrachte Menschenmenge: Die anfänglich friedlichen Demonstrationen arteten aus. -Foto: dpa

AntananarivoProteste gegen die Regierung - zu denen der Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo, Andry Rajoelina (34), zum Auftakt eines Generalstreiks aufgerufen hatte - gerieten völlig außer Kontrolle und entwickelten eine kriminelle Eigendynamik. Der Volkszorn richtete sich in erster Linie gegen den Reichtum von Präsident Marc Ravalomanana (59), den er überwiegend während seiner Amtszeit angehäuft hatte.

Der Unmut hatte sich zunächst an der Verfolgung politischer Gegner und an Hetzkampagnen in Ravalomananas Tageszeitungen und seiner TV- Station MBS entzündet. Seine Gegner hatten ihm vor allem die Anschaffung eines neuen Dienst-Flugzeugs für 60 Millionen US-Dollar (45 Millionen Euro) als Verschwendung vorgehalten, aber auch schwere Eingriffe gegen die Pressefreiheit kritisiert. Selbst der Bau riesiger Silos im Hauptreisanbaugebiet geriet in die Kritik, zumal der Präsident nach Ansicht seiner Gegner die Einkaufspreise diktiert.

Wut richtet sich gegen Einkaufsmärkte

Begonnen hatte das Chaos nach friedlichen Demonstrationen auf dem historischen "Platz des 13. Mai", auf dem Staatschef Ravalomanana selbst vor sieben Jahren als Präsidentschaftskandidat gegen seinen Amtsvorgänger Didier Ratsiraka angetreten war. Die Wut der Bevölkerung richtete sich gegen Ravalomananas Einkaufsmärkte, sein Medienzentrum im Stadtteil Anosipatrana und das von seiner Tochter geleitete Druckereiunternehmen. Das präsidiale Firmen-Imperium löste sich dann im Wutrausch der Demonstranten nach und nach in schwarzen Rauch auf: Inventar und Waren wurden hemmungslos geplündert. Es folgten schnell Übergriffe auf andere Geschäfte insbesondere im Stadtteil Behoririka (Chinatown).

Kinder schleppten Computer weg, Hausfrauen rissen sich Fernsehgeräte unter den Nagel, Jugendliche rollten große Speiseöl- Fässer von der Firma des Präsidenten nach Hause. Ein schlechtes Gewissen legte keiner der von Journalisten befragten Plünderer an den Tag: "Der Präsident hat sich von unserem Geld ein Flugzeug gekauft, jetzt holen wir uns das Geld wieder zurück", meinte einer von ihnen. In der Nacht zu Dienstag wurde auch das Zentralgefängnis gestürmt, um drei Studenten zu befreien. Sie sollen vergangene Woche angeblich mehrere Molotowcocktails gegen Regierungsgebäude geschleudert haben.

Zahlreiche Einwohner der Hauptstadt saßen am Radio, um die Nachrichten aus dem einzigen noch intakten Sender Antsiva zu verfolgen. Ein Versuch von Anhängern der Präsidentenpartei, die oppositionsnahe Fernsehstation TV Plus zu stürmen, wurde von Getreuen des Bürgermeisters verhindert. Vertreter der Armee regten auf Anfrage des Senders die Einsetzung einer Militärregierung an. Polizei und Militär waren nicht präsent, nachdem zuvor drei Demonstranten im Bereich der Fernsehsender TVM (staatlich) und MBS (Präsident) erschossen worden waren. Bürgermeister Rajoelina vermutet hinter den Plünderungen Provokateure von Ravalomanana, um ihn und die Protestbewegung in Misskredit zu bringen.

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