Politik : „Uns wird bei der Unterschrift die Hand zittern“

Paul Spiegel und Michel Friedman über den Staatsvertrag des Zentralrats mit der Bundesregierung, das Leben als Juden in Deutschland – und Nervennahrung

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Herr Spiegel, Sie sind vor kurzem 65 geworden. Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Wir haben auch ein Geschenk für Sie.

SPIEGEL: Danke. Was ist es denn?

Eine Tafel Schokolade. Sie haben ja selbst einmal gesagt, Ihre zweite Amtszeit als Zentralratspräsident wird hart. Da dachten wir, Nervennahrung könnte nicht schaden.

SPIEGEL: Das stimmt.

FRIEDMAN: Man braucht wirklich Nerven wie Stahlseile. Wir müssen diejenigen stärken, die für Toleranz eintreten. Wir müssen aber auch die Intoleranten, die Gewalttätigen in ihre Schranken weisen. Dabei ist die Beschäftigung mit dem Judentum nicht mit dem Kampf gegen Antisemitismus gleichzusetzen. Wir wollen ja auch das Vergnügen haben, unsere Religion und Kultur zu leben.

SPIEGEL: Hinzu kommt, dass wir für eine Gemeinschaft sprechen, die sich noch finden muss. Wir haben nicht einmal ein Dutzend hauptamtliche Mitarbeiter. Aber nach außen wirkt es offenbar so, als hätten wir einen Apparat wie der DGB hinter uns.

In Deutschland glauben viele, der Zentralrat und die Juden seien eine einflussreiche Minderheit. Wie kommt das?

FRIEDMAN: Wenn wir wirklich so einflussreich wären, dann würden wir uns nicht gegen menschenfeindliche Bemerkungen und Übergriffe wehren müssen. Denn dann gäbe es die ja nicht. Dass wir einflussreich seien, ist ein antisemitisches Klischee.

SPIEGEL: Der Eindruck kommt doch auch daher, weil wir immer gefragt werden, wenn es um Antisemitismus geht. Wir sind die Opfer, aber nicht die Täter. Warum fragt man in einer solchen Situation nicht genauso und und genauso oft Kardinal Lehmann? Das Vorgehen gegen Judenfeindschaft und der Schutz von Minderheiten sind einfach noch keine Herausforderungen für die ganze deutsche Gesellschaft geworden.

Woran liegt das?

FRIEDMAN: Es gibt bei uns keine Zivilgesellschaft, die begreift, dass Extremismus gleichbedeutend ist mit Demokratie und Menschenfeindlichkeit. Zu viele Menschen haben hier noch nicht begriffen, was für ein Geschenk die Freiheit ist.

SPIEGEL: Die Menschen begreifen nicht, dass ein antisemitischer Angriff auch einer auf unsere Demokratie ist. Das ist auch ein Defizit in der Erziehung und Bildung. Wenn sich das nicht bald ändert, dann verlieren wir als Gesellschaft entscheidendes Terrain.

FRIEDMAN: Das fängt schon bei den Kindern an. Die müssen spüren – im Elternhaus und in der Schule –, dass sie nicht geächtet werden, wenn sie eine andere Meinung haben. Niemand wird als Antisemit geboren. Wir begrenzen die Beschäftigung mit dem Judentum zu sehr auf die Vernichtung der Juden während des Dritten Reiches.

Aber der Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat und der Bundesregierung soll, so ist zu hören, am 27. Januar, dem Holocaustgedenktag, feierlich unterzeichnet werden. Ist das nicht zu plakativ?

FRIEDMAN: Nein. Wir sind noch nicht in der neuen, schönen Zeit der Normalität. An diesem Tag wird doch deutlich, dass sich Juden trotz der Shoa dafür entschieden haben, in Deutschland zu leben. Dass der Vertrag am Tag der Befreiung von Auschwitz unterschrieben wird, zeigt doch: Es gibt eine Brücke über die Vernichtung, eine Brücke in die gemeinsame Zukunft.

SPIEGEL: Es ist doch keine Selbstverständlichkeit, dass Deutschland heute die drittgrößte jüdische Gemeinde in Westeuropa ist! Meine Eltern haben 1945 gesagt, es werde in Deutschland nie wieder jüdische Gemeinden geben. Deshalb ist es etwas Besonderes, dass Juden nicht nur hier leben wollen, sondern es auch können. Der Staatsvertrag ist ein großer Vertrauensbeweis in dieses Land und in die Politik. Deshalb ist der 27. Januar so wichtig. Auch symbolisch.

Aber das heißt doch, wir sind von Normalität meilenweit entfernt.

SPIEGEL: Das stimmt.

FRIEDMAN: Also, ich werde den Vertrag mit zitternder Hand unterschreiben.

Warum?

FRIEDMAN: Weil wir immer noch diskriminiert werden, weil wir immer noch nicht wir sein dürfen. Zittern wird meine Hand auch, weil der Zentralrat gegenüber seinen Mitgliedern Verantwortung übernimmt. Denn das Abkommen sagt ja auch: Wir Juden verlassen uns auf Deutschland und seine Demokratie. Der Vertrag drückt aus, dass wir in Generationen denken und hoffen. Eine zitternde Hand, die aber voller Hoffnung und Glauben ist, dass wir eine ziviliserte Gesellschaft des Miteinander schaffen.

SPIEGEL: Auch meine Hand wird zittern. Weil es so lange gedauert hat, bis dieser Vertrag zu Stande kommt. Wir haben die Initiative ergriffen. Keine Regierung war auf diese Idee gekommen. Jahrelang mussten wir um Geld betteln. Gleichzeitig wurde immer mehr von uns erwartet.

Mit dem Staatsvertrag wird sich das ändern?

FRIEDMAN: Wir bekommen statt einer Million Euro jährlich künftig drei Millionen. Die Summe ist aber nur symbolisch. Entscheidend ist, wofür das Geld verwendet werden soll: nicht primär für das Lindern des Schicksals der Überlebenden, sondern erstmals für die Zukunft der Juden in Deutschland.

Wofür wollen sie das Geld ausgeben?

SPIEGEL: Das Geld ist dafür da, dass der Zentralrat seine Arbeit machen kann. Dazu gehört zum Beispiel, vielen der 83 jüdischen Gemeinden in Deutschland überhaupt erstmals eine Struktur zu geben. Personal für Kindergärten und Schulen muss ausgebildet werden. Wir brauchen auch mehr religiöse Betreuung der Mitglieder und Kulturarbeit. Dazu gehört auch, dass die „Jüdische Allgemeine“ künftig wieder wöchentlich erscheinen soll. Das ist auch wichtig, um Kenntnisse über das Judentum zu verbreiten.

Und was ist mit der Integration der Einwanderer aus Russland und Osteuropa?

SPIEGEL: Das wird eine unserer Hauptaufgaben sein. Auch hier geht es vor allem um Bildung. Immerhin sind in den vergangenen 13 Jahren rund 70 000 Menschen zu uns gekommen. Und viele wissen über das Judentum einfach zu wenig.

Es gibt gerade in einigen ostdeutschen Gemeinden zwischen den Alteingesessenen und den Neuankömmlingen große Probleme …

FRIEDMAN: Die gibt es. Aber die Menschen sind vor allem eine große Bereicherung für die jüdischen Gemeinden und das Leben hier. Das ist eine Erfolgsgeschichte.

Inwiefern?

FRIEDMAN: Die Menschen sind Mitglieder der Gemeinden geworden – und geblieben. Sie vitalisieren aktiv das jüdische Leben. Die Kinder haben die deutsche Sprache gelernt. Das stärkt die Eingliederung in die Gesellschaft und unsere Jugendarbeit. Wir haben noch etwas geschafft: Es gab bisher bei keiner Gemeindewahl den Versuch, die Mitglieder in Alteingesessene und Neuankömmlinge zu spalten.

SPIEGEL: Gerade die Jugendlichen aus Russland machen mir große Hoffnung. Die sprechen schon unsere Sprache. Sobald das der Fall ist und man sich der gemeinsamen Wurzeln bewusst ist, gibt es keine Probleme. Wenn der Zentralrat seine Aufgabe erfüllt, wird es eine Renaissance des Judentums in Deutschland geben.

Würden Sie einem Juden außerhalb Deutschlands raten, hier zu leben?

SPIEGEL: Wir würden nicht dazu raten, aber auch nicht abraten!

FRIEDMAN: Würden Sie einem Christen raten oder abraten, hierher zu kommen? Was ist das für eine Frage! Ich lebe doch hier. Damit habe ich eine Willenserklärung abgegeben. Da könnten Sie mich ja auch gleich fragen: Herr Friedman, sind Sie innerlich ein Deutscher? Ich würde antworten: Hätten Sie diese Frage Kardinal Lehmann gestellt?

War unsere Frage antisemitisch?

FRIEDMAN: Jede Frage, die Sie deckungsgleich auch Kardinal Lehmann stellen würden, ist nicht antisemitisch.

Wo beginnt Antisemitismus?

FRIEDMAN: Das ist jeder Versuch, aus individuellem Verhalten ein kollektives Bild zu zeichnen. Das diskriminiert eine Gruppe.

Ein Beispiel bitte.

FRIEDMAN: Wann immer Woddy Allen einen neuen Film macht, liest man in den Zeitungen: Der Film des jüdischen Regisseurs … Da kann ich nur sagen, wer so etwas schreibt, hat ein Problem.

Warum?

FRIEDMAN: Weil sie bei anderen Filmemachern nicht auf die Idee kämen zu schreiben, der ist Moslem, Christ oder sonst was.

Wann ist jemand antiisraelisch?

FRIEDMAN: Wenn er das Existenzrecht Israels in Frage stellt.

Haben Sie das Gefühl, dass Israel in Deutschland einseitig verurteilt wird?

SPIEGEL: Nein, aber es gibt immer wieder solche Stimmen und Vorfälle. Da wird das Vorgehen der israelischen Armee scharf kritisiert und mit den Untaten der Nazis gleichgesetzt. Gleichzeitig aber fehlt jeder Hinweis auf die Untaten von Palästinensern.

FRIEDMAN: Wir sind nicht die Botschafter des Staates Israel. Aber Israel ist der religiöse Mittelpunkt, vor allem Jerusalem, im Leben eines jeden Juden.

Aber Deutschlands Juden verbindet doch mehr mit Israel als die Religion.

FRIEDMAN: Israel ist für mich das Rückgrat, um heute in der Diaspora leben zu können, als stolzer und selbstbewusster Jude. Wenn heute der Antisemitismus in Deutschland mörderisch werden würde, hätte ich ein Land, das mich rettet.

SPIEGEL: Wenn es 1933 den Staat Israel schon gegeben hätte, wäre es nicht zum Holocaust gekommen.

Wie könnte eine Lösung für Nahost aussehen?

SPIEGEL: Zum Frieden gibt es keine Alternative. Aber wir hätten den Konflikt schon längst gelöst, wenn die Araber Israel anerkannt hätten. Dann wäre auch die Palästinenserfrage kein Problem gewesen. Doch nichts ist geschehen. Im Gegenteil. Hunderte Menschen stehen bereit, um sich als lebende Bomben in Israel in die Luft zu jagen.

FRIEDMAN: Länder wie Syrien und Jordanien haben aus verschiedenen Gründen kein Interesse an einem Frieden mit Israel.

Die Situation ist hoffnungslos?

FRIEDMAN: Es muss Frieden geben. Und es gibt auch schon in den palästinensischen Eliten Ansätze für ein Umdenken. Aber es ist Volksverdummung, zu behaupten, der Frieden läge allein in der Hand der Israelis.

Das Gespräch führten Gerd Appenzeller und Christian Böhme.

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