Politik : Unsere blauen Augen

Von Peter von Becker

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Die Welt zu Gast bei Freunden, mit diesem Slogan präsentiert sich Deutschland zur demnächst beginnenden Fußballweltmeisterschaft. Der Glaube an die frohe Botschaft aber scheint seit Ostern in Gefahr. Seit dem rassistischen Anschlag auf einen Deutsch-Afrikaner in Potsdam. Nicht nur Politiker fürchten um das Ansehen des WM-Gastgeberlandes – und so viel Betroffenheit hat ihre zwei Seiten.

Selten gab es bei einem Fall dieser Art eine so starke Welle des öffentlichen Mitgefühls, der Scham und des Zorns, und dazu eine so entschiedene, schnelle Reaktion der Strafverfolgungsbehörden. Die Emotionen und Reaktionen der Menschen in Potsdam sind dabei über alle Zweifel erhaben. Doch bleibt ein Unbehagen gegenüber den offiziellen, den politischen Reaktionen.

Nicht mehr als ein aktueller Ausrutscher ist zunächst Innenminister Wolfgang Schäubles instinktloser Satz von den Blonden und Blauäugigen, die gleichfalls das Opfer von Gewalt werden könnten. Unsichere Gegenden gibt es, nicht nur für Ortsfremde, fast überall auf der Welt. Auch in Deutschland. Skandalös aber ist, wie lange Politik, Polizei und Verwaltungen bei uns zugesehen haben, dass bestimmte Gegenden in Deutschland faktisch No-Go-Areas zum Beispiel für Nicht-Weiße sind. Potsdam gehört bisher nicht dazu. Aber wer könnte etwa einem farbigen Leser Theodor Fontanes raten, sich einsam und ungeschützt auf die Spuren von dessen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zu begeben?

Zur Fußballweltmeisterschaft liegen die Nerven nun blank. Deutschland erwartet hunderttausende ausländische Touristen, auch die Fans von fünf afrikanischen Teams. Von Brasilien und anderen vielfarbigen Mannschaften ganz zu schweigen. Der jüngste Angriff, vor den Toren der Hauptstadt, fällt zwar in eine neue, verschärfte Debatte über Einwanderung, Multikulturalität und Integration in Deutschland. Dennoch, zur nationalen Affäre, bei der sich sofort die Bundesanwaltschaft einschaltete und die Bundeskanzlerin zu Wort meldete, wäre das Verbrechen von Potsdam ohne den befürchteten „Imageschaden“ für das WM-Gastgeberland nie geworden. Die Tat war kein Einzelfall – jetzt freilich gilt sie als exemplarisch. Darum soll, wie zum Zeichen, ein Exempel statuiert werden.

Das ist gut. Wenn es nicht bloß aus Taktik, nicht nur mit dem ängstlichen Blick nach draußen geschieht. Sondern den freimütigen Blick ins Innere, hinein nach Deutschland öffnet. Dann würde man sehen, dass es Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auch in Westdeutschland gibt, ebenso wie in anderen westeuropäischen Ländern. Dass zudem ein aggressives Ressentiment-Gemisch gerade in den Ländern des ehemaligen Ostblocks gärt: als Erbe weltunoffener Diktaturen und sozialer Verstümmelungen. In Polen. In Russland, Ungarn, Rumänien. Oder auch in Teilen der Ex-DDR. Gerade die linken, postkommunistischen Parteien, auch die PDS, haben dieses Problem lange negiert, indem sie ihre angeblich lupenreine „antifaschistische“ Vergangenheit verklären.

Wer für offene Selbsterkenntnis plädiert, muss sich allerdings gegen Hysterien und Dramatisierung wehren. Sechs Tage nach der Attacke von Potsdam und gut sechs Wochen vor der WM ist in Deutschland Ost und West die Fußball-Welt immer noch gastfreundlich willkommen. Keine Exzesstat ist exemplarisch für ein ganzes Land oder eine Gesellschaft. Die alarmistischen Untertöne sind freilich auch eine Folge der völligen Überfrachtung des Unternehmens WM.

Wie nie zuvor wird das Fußballfest bei uns als narkotisches Allheilmittel beschworen, gegen nationale Identitätsschwächen, Zukunftsängste, Konsummüdigkeit oder jeglichen Selbstzweifel. „Du bist Deutschland, Beethoven, Einstein, Michael Schumacher“ – all dieser Kampagnenwahnsinn will einen Minderwertigkeitskomplex therapieren, den er erst einmal unterschwellig schürt. Bildungsdebatten, Sozialpolitik oder Verbrechensbekämpfung sollten darum von sofort an vom WM-Komplex getrennt werden. Damit wieder klar wird, was der Ball ist und was der Fall. Oder nur ein Spiel.

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