• Unter Beschimpfungen der Demokratie tritt die spanische Rechtspartei bei den Parlamentswahlen an

Politik : Unter Beschimpfungen der Demokratie tritt die spanische Rechtspartei bei den Parlamentswahlen an

Ralph Schulze

"Diese Demokratie ist eine verdammte Sch ... ", sagt Jesús Gil. Oder auch einfach "Müll", "Pfusch", "nationaler Betrug". Und tausende Anhänger jubeln ihm zu. Spanien erlebe gerade "die schlimmste aller Diktaturen", ein Staat, in dem weder Recht noch Ordnung herrsche, der sich nicht im geringsten um die wahren Probleme seiner Bürger kümmere, pöbelt der Mann. Übrigens die gleiche Misere, urteilt Gil, wie in anderen Staaten Europas, die ebenfalls von "Märchenerzählern", von "Diktatoren" regiert würden. Die logische Folge sei: Die Menschen wollten starke Führer - einen Kerl wie ihn und keine leeren Versprechen.

Der Rechtsradikalismus hat in Spanien wieder einen Namen: Gil oder auch GIL, wie der 66-jährige Bürgermeister von Marbella seine Partei taufte. Grupo Independiente Liberal - Unabhängige Liberale Gruppe, die am 12. März erstmals in den Parlamentswahlen antritt. Ihr wichtigstes Rezept: Verunglimpfung der Demokratie. Und das Versprechen, mit Korrupten, Kriminellen, Nutten, Bettlern und illegalen Einwanderern Schluss zu machen.

Zug um Zug erobert der Rechtspopulist Spaniens Städte. Zunächst im Süden des Landes, nun nimmt er sich die ganze Nation vor. Dort, wo er antritt, beginnen die etablierten Politiker zu zittern. In Marbella herrscht Gil seit neun Jahren mit absoluter Mehrheit. Von 12 Städten, in denen die GIL-Partei 1999 erstmals kandidierte, wuchs sie in sechs gleich zur stärksten Partei.

Unschwer vorauszusagen, dass Gil am 12. März neue Triumphe feiern wird. An diesem Tag wählt nicht nur Spanien ein neues Parlament, zugleich stimmt das südspanische Andalusien, die Gil-Hochburg, über die Regionalkammer ab. Gil wittert seine Chance, wirbt um die Unzufriedenen, Gescheiterten, Frustrierten, die üblicherweise mit ihrer Enthaltung dem Staat den Rücken zeigen und wie Gil glauben, dass "man unter Franco besser lebte" - Francisco Franco war bis 1975 Chef der spanischen Rechtsdiktatur.

Jesús Gil verkauft sich als Musterbeispiel eines vom Staat verfolgten Bürgers. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Mann, der durch Immobilienspekulationen steinreich wurde, wegen Korruption, Amtsmissbrauch, Fälschung. Ihm wird Millionenbetrug vorgeworfen, Nähe zur Mafia. Als Bürgermeister in Marbella, wo er schamlos Amt und Geschäft vermischt - "wo ich bin, das sind meine Geschäfte". Als Präsident des Erstliga-Fußballklubs Atlético Madrid, aus dessen Fangemeinde er "die Gil-Armee", seine Wahlhelfer, rekrutiert. Als Chef der GIL-Partei, deren Posten er mit getürkten Parteitagen sich und seiner Familie zugeschanzt haben soll. "Alles erfunden", schnauzt Gil.

Durch die Strafverfolgung, die in seinen Augen eine Form der "Inquisition" ist, fühlt sich der Rechtspopulist nur bestätigt. Als "Stimme des Volkes" will Gil gegen den Staat kämpfen. Am 12. März wird man wissen, wie viele Spanier auf diese tobende Stimme hören wollen.Aus der Serie "Rechtspopulisten in Europa", Teil 4

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