Politik : Unter Schock

Psychotherapeuten über die emotionalen Reaktionen von Entführungsopfern

Philipp Lichterbeck

Berlin - Der Hamburger Publizist Jan Philipp Reemtsma wurde 1996 gekidnappt und befand sich 33 Tage in der Hand mehrerer Entführer. Anschließend hat er das traumatische Erlebnis mit beeindruckender gedanklicher und sprachlicher Präzision in dem Buch „Im Keller“ geschildert. Es gelingt ihm, erfahrbar zu machen, wie der innerste Kern der Persönlichkeit eines Menschen durch den gewaltsamen Eingriff von außen angetastet und tief verletzt wird. Diese durch eine Entführung und die anschließende Geiselhaft ausgelöste emotionale Verstörtheit ist laut Psychotherapeuten trotz individueller Ausprägungen eine typische Reaktion von Geiseln.

Es ist nicht bekannt, wie es der nun im Irak entführten Archäologin Susanne Osthoff geht. Doch aus psychologischer Sicht ist anzunehmen, dass sie den am Anfang typischen Schockzustand durchlebt, der sich bei Entführten einstellt. Der Psychotherapeut und Traumaforscher Christian Lüdke, der ein Zentrum für Verbrechensopfer in Köln betreibt, beschreibt die Reaktion: „Der Adrenalinspiegel des Opfers steigt, und körpereigene Opiate werden im Gehirn freigesetzt. Dadurch werden das Denken, das Fühlen und das Handeln entkoppelt und genetisch programmierte Schutzmechanismen kommen in Gang. Entführungsopfer versetzen sich häufig in eine Art Narkose.“

Nach dem zu urteilen, was er über Osthoff wisse, hält es Lüdke für wahrscheinlich, dass die 43-Jährige ihre Kenntnis der arabischen Sprache und ihr Wissen über die irakische Kultur einsetzen werde, um mit den Entführern zu kommunizieren. „Wenn es ihr gelingt, persönlichen Kontakt zu den Tätern aufzubauen, erhöht sich ihre Chance, am Leben zu bleiben.“ Lüdke glaubt, dass Osthoff sich gedanklich schon hypothetisch mit dem Fall ihrer Entführung im Irak auseinander gesetzt habe. „Deshalb wiegt für sie der Schock nicht so schwer, als wenn die Entführung aus heiterem Himmel gekommen wäre und sie nicht wüsste, warum sie entführt wurde.“ Die Überlebenschance von Osthoffs Fahrer schätzt Lüdke wesentlich geringer ein als ihre. „Der Fahrer hat keine Funktion für die Entführer. Wenn sie Osthoff umbrächten, hätten sie nichts mehr in der Hand.“

Das Phänomen des so genannten Stockholm-Syndroms spricht der Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Psychologen, Uwe Wetter, an. Er hält es für wahrscheinlich, dass Osthoff sich wegen ihrer Leidenschaft für den Irak mit ihren Entführern identifizieren könnte. „Diese Reaktion würde sich insbesondere dann einstellen, wenn Osthoff das Gefühl haben sollte, dass die Behörden sie im Stich lassen und die einzigen, die ihr helfen können, die Entführer sind.“

Ungeachtet der Robustheit von Susanne Osthoff ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie, wenn sie freikommen sollte, an dem typischen posttraumatischen Belastungssyndrom leiden wird. Es führt unter anderem zu Schlafstörungen, Alpträumen und Spannungszuständen. Allerdings zeigt die Erfahrung auch, dass Frauen emotional besser mit Entführungen umgehen können als Männer.

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