Politik : Urban 21: Auf der Suche nach der Stadt der Zukunft

Eva Schweitzer

Sie verlieren sich fast im riesigen Bauch des Internationalen Congress Centrums (ICC), die 3500 Stadtplaner, Politiker und Wissenschaftler, die in diesen Tagen zur "Urban 21" nach Berlin gekommen sind. Am frühen Nachmittag - nach der Eröffnungsfeier mit UN-Generalsekretär Kofi Annan und kurz vor dem Abschlusstreffen der Bürgermeister aus 26 Megastädten - laufen die meisten Gäste suchend herum, zwischen den Essensschlangen im ICC-Foyer und den Ständen von Wüstenrot, der Handelskammer oder der Expo. Über 100 Länder sind auf der Weltsiedlungskonferenz vertreten, darunter welche, von denen man gar nicht wusste, dass ihre Großstädte von den gleichen Problemen gebeutelt sind wie São Paulo, Singapur oder Shanghai. Zum Beispiel Gibongile und Stella Lukhele vom Bauministerium in Swaziland. Oder Agron Lufi von der albanischen Architekturfakultät. Aber natürlich auch Prominente wie Saskia Sassen und Peter Marcuse aus New York oder Jean Tibéri, der Pariser Bürgermeister. Bei der "Urban 21" wird eine Zwischenbilanz gezogen, sie steht in der Nachfolge der großen UN-Siedlungskonferenzen von Rio (1992) und Istanbul (1996) und bereitet das nächste große Treffen 2001 in New York vor.

Globalisierung, Verkehrsprobleme, das Internet, Verdichtung, Teilung der Städte in arme und reiche Viertel und die Belastung von Luft und Wasser - die Probleme insbesondere der Megastädte sind weltweit ähnlich, aber irgendwie stellen sie sich in Europa doch anders dar als in Asien oder Afrika, auch wenn sich auf der "Urban 21" alle bemühen, Gemeinsamkeiten zu unterstreichen und immer wieder betonen, dass man voneinander lernen könne. Zum Beispiel Zersiedlung des Umlandes: In Europa werden Vorortsiedlungen errichtet, weil die Familien mehr Platz wollen, durchschnittlich 36 Quadratmeter bewohnt jeder Deutsche. In Shanghai steht dieser Prozess erst noch bevor: 2005 soll jeder Schanghaier zwölf Quadratmeter für sich haben, stellt sich der dortige Bürgermeister Xu Kuangdi vor. Weiteres Beispiel: Globalisierung. Wirklich globale Städte - also Städte, die weltweit die Produktion von Gütern kontrollieren und für deren weltweite Vertreibung sorgen - gibt es nur wenige: London, New York und Tokio, vielleicht noch Frankfurt oder Paris. Betroffen sind aber viele. Afrikanische Länder fürchten, mit der Globalisierung erst recht zur reinen Abnehmernation degradiert zu werden. In Schanghai seien jetzt schon 30 Prozent der Jobs im Dienstleisungsbereich bei den neuen Informationstechnologien zu finden.

Über den Autoverkehr wurde dem Treffen der Bürgermeister am Montag, das der "Urban 21" vorausging, am meisten gestritten. Berlin klagt über Staus, tatsächlich geht es hier recht harmlos zu, verglichen mit Städten wie Mexiko City oder Bangkok. Und weltweit kommen jährlich 50 Millionen Kraftfahrzeuge dazu. Das heißt: schmutzigere Luft, mehr Gedränge auf den Straßen, Mehrbelastung durch CO2

Die Entwicklungsländer sollten sich mehr auf das Fahrrad besinnen, schlägt der Weltbericht vor.

Stadtleben hat aber nicht nur etwas mit Umwelt und Wohnen zu tun, sondern auch mit Kultur und Demokratie. In Städten treffen verschiedene Kulturen aufeinander. "Unsere Städte sind Hybride, geprägt genauso von unserem afrikanischen Erbe wie von der kolonialen Vergangenheit und dem erst vor kurzem abgestreiften Apartheid-Regime", sagt die südafrikanische Bauministerin Sankie Mthembi-Mahanyele. Stadt bedeutet auch Gemeinwesen, Bürgerbeteiligung, ein höherer Grad von Freiheit als in den traditionell ländlichen Gebieten - auch deshalb wehrt sich etwa Südafrika dagegen, den Zuzug zu Städten einzuschränken. "Der Trend zum Wachstum der Städte ist nicht umzukehren, aber man kann ihn steuern", meint Bundesbauminister Reinhard Klimmt.

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