Warum dieser gigantische logistische Aufwand?

Seite 2 von 3
US-Abschreckung gegen Russland : Die "Dolch-Brigade" lernt Polen kennen
von
Captain Terry Battison, 35, ist in Ohio aufgewachsen.
Captain Terry Battison, 35, ist in Ohio aufgewachsen.Foto: US-Nato

Erst im September führte Russland seinerseits ein eigenes Großmanöver durch, gemeinsam mit dem Verbündeten Weißrussland. „Sapad“ hieß es. Westen. Offiziell waren nur 12 700 Soldaten beteiligt, die Nato vermutet ein Vielfaches. Die starke Untertreibung könnte einen praktischen Grund haben: Bei Manövern mit 13 000 Soldaten oder mehr müssen ausländische Beobachter zugelassen werden.

Die Dolch-Brigade wiederum ist eigentlich eine Wachablösung. Sie ersetzt die „Eiserne Brigade“, die bereits im Januar nach Polen geschickt wurde. So soll es, falls die Rotation gelingt, ab jetzt alle neun Monate laufen. Jede Truppe bringt ihre eigene Ausrüstung mit, eigene Fahrzeuge, errichtet eigene Infrastruktur. Warum dieser gigantische logistische Aufwand?

Terry Battison sagt, es gehe um „Readiness“. Die Bereitschaft, im Ernstfall schnell einzugreifen und loszuschlagen. Die Fähigkeit einer Brigade, ihr gesamtes Material innerhalb von 50 Tagen aus der Heimatkaserne in Kansas per Zug ins texanische Beaumont, von dort mit dem Schiff über den Atlantik, von Gdansk in Polen und Bremerhaven weiter in die polnische Provinz zu transportieren und dort binnen Stunden feuerbereit zu machen, so dass höchstens noch einheimische Pilzesammler sie stoppen können. „Die Readiness“, sagt Battison, „haben wir eindrucksvoll demonstriert.“

Zuerst wird gestrichen

Letzte Auslandsstation der Brigade war Kuwait. Deshalb sind die Panzer, die jetzt am Rand von Camp Karliki im Matsch stehen, noch sandfarben. Ideale Wüsten-Camouflage, für Landschaften Osteuropas jedoch ungeeignet. In den nächsten Tagen werden Farbeimer und Rollpinsel an die Soldaten ausgeteilt. Es sei nicht viel anders, als eine Wohnung zu streichen, sagt einer. Bloß dass man sich weniger Mühe geben müsse. Gleichzeitig werden die Panzer der jetzt abgelösten „Eisernen Brigade“ nach Bremerhaven gebracht. Bevor sie zurück in die USA können, werden sie gründlich gereinigt, damit die Armee keine Insekten oder Kräuter einschleppt, die in Amerika heimische Arten verdrängen.

In der Brigade, die jetzt abzieht, dient ein Soldat mit polnischen Wurzeln: Bartek Czarnik wurde in New York geboren, seine Eltern sind Einwanderer. Er sagt, einige Kameraden hätten vor Missionsbeginn ein verzerrtes Bild von osteuropäischen Staaten gehabt, insbesondere wegen Filmen wie „Borat“. Zum Glück hätten sie schnell gemerkt, dass Osteuropa nicht so hinterwäldlerisch und unterentwickelt ist, wie es der Film suggeriere. Er sagt auch, er könne den Wunsch der Polen nach starker US-Präsenz gut nachvollziehen.

Freier Zugang zu den Soldaten

Wer als Journalist eingeladen wird, die Camps rund um Zagan zu besuchen, erhält erstaunlich freien Zugang zu den Soldaten. Man erfährt, dass Panzerfahren in Polen angenehmer ist als in Kuwait, weil die Abrams zwar über Heizungen, nicht aber über Klimaanlagen verfügen. Dass sich die Soldaten über die deutschen Leopard-Panzer wundern, weil diese noch mit Diesel betrieben werden. Dass die Armee für viele die Chance zum sozialen Aufstieg ist, denn wer sich für drei Jahre verpflichtet, startet mit mindestens 2000 Dollar netto im Monat und hat gute Chancen auf ein College-Stipendium.

Man erfährt auch, dass manche Einheiten bereits zum Bemalen von Keramiktassen eingeladen wurden, eine Spezialität der Region, und dass dies am Ende tatsächlich Spaß gemacht habe. Bloß eines vermeiden die Soldaten penibel: auszusprechen, wer genau hier eigentlich abgeschreckt werden soll. Auf einer Pressekonferenz umgehen es der Kommandeur der abziehenden Brigade und sein polnisches Pendant 25 Minuten lang gewissenhaft, die Wörter „Russland“ oder „Putin“ in den Mund zu nehmen. Stattdessen immer nur: „potentielle Feinde“.

In Boleslawiec, einer 40 000-Einwohner-Stadt nahe Zagan, wurden die Soldaten im Februar mit einer Feier begrüßt. In der Fußgängerzone standen Raketenwerfer, Konfetti-Kanonen schossen in die Luft, dazu ertönte die Musik aus „Rocky“ - und oben auf der Bühne behauptete der Brigade-Kommandeur ernsthaft, er blicke hier, auf dem Marktplatz von Boleslawiec, auf die großartigsten Menschen der ganzen Welt.

Das überrascht in diesen Tagen im Westen Polens am meisten: wie ein Konflikt zwischen der mächtigsten und der zweitmächtigsten Streitmacht der Welt gleichzeitig zum Fest der Völkerfreundschaft und Verständigung geraten kann.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

73 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben