US-Präsident auf Abschiedsbesuch : Was Obama von den Deutschen hält

Barack Obama hatte ein distanziertes Verhältnis zu Deutschland. Dann hat er dessen Rolle schätzen gelernt. Den Deutschen ging es mit ihm umgekehrt. Ein Essay.

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US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im April 2009 in Baden-Baden.
US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im April 2009 in Baden-Baden.Foto: dpa

In keinem Land außerhalb der USA landet Barack Obama so oft wie in Deutschland. Nur macht sich das kaum jemand klar. An diesem Sonntag kommt er zum zweiten Mal in dieser Woche. Am Mittwoch machte er auf der Durchreise nach Saudi-Arabien in Ramstein Station. Und nun eröffnet er die Hannover-Messe.

So geht das fast jedes Mal, wenn Obama aus Amerika nach Osten aufbricht oder von einer Fernreise aus Afrika, dem Nahen Osten, Indien oder Afghanistan in die USA zurückkehrt: Er landet erstmal in Deutschland. Während „Air Force One“ auf dem US-Stützpunkt in der Pfalz aufgetankt und für den Weiterflug fit gemacht wird, spricht er meist mit Militärs und Botschaftsangehörigen.

Ach, das zählt nicht? Es sollte, denn die Reiserouten verraten eine tiefere Wahrheit: Obama und Deutschland sind enger miteinander verbunden, als die Öffentlichkeit wahrnimmt. Ramstein – und das Militärkrankenhaus in Landstuhl – stehen für eine strategische Allianz. Sie ist nicht nur ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Es ist eine bewusste Zukunftsentscheidung – wie das Transatlantische Handels- und Investitionsabkommen TTIP. Als es 2010 um die Zukunft des größten US-Hospitals außerhalb Amerikas ging, entschied sich Obama gegen die Schließung und gegen den Neubau in einem Land, das näher an den neuen Brennpunkten liegt. In Abstimmung mit der deutschen Politik wurde ein vergrößerter Neubau beschlossen.

Es gibt keine außenpolitische Aufgabe, bei der Deutschland, die zentrale Macht Europas, nicht automatisch in Obamas Blick rückt. Das gilt umgekehrt genauso: Die Denker und Lenker der deutschen Außen- und Außenwirtschaftspolitik kommen nicht an den USA und ihrem Präsidenten vorbei, ob in Nahost, gegenüber dem Iran und den Saudis, Indien, Afghanistan, Korea, China oder Russland. Offen ausgesprochen wird das selten. Die Beziehung hat oftmals etwas Verdruckstes.

Eine emotionale Fernbeziehung zu Deutschland

Eines freilich unterscheidet Obamas Blick auf die Deutschen vom Blick der Deutschen auf Obama. Sein Bild von Deutschland war anfangs distanziert und wurde später freundlicher. Den Deutschen ging es mit ihm umgekehrt: Sie betrachteten ihn mit überschäumender Begeisterung, als er 2008 in ihre Blickfeld trat. Im Laufe der Jahre kühlten ihre Gefühle für ihn ab und schlugen in Enttäuschung um. Aus ihrer Sicht hatte er große Erwartungen geweckt, erfüllte sie aber nicht.

Barack Obama hatte seit seinen Studienjahren eine emotionale Fernbeziehung zu Deutschland. Lange bevor die Deutschen seinen Namen kannten. Lange bevor mehr als 200.000 Deutsche ihm an der Siegessäule zujubelten. Lange bevor „Yes, we can“, „Hope“ und „Change“ die deutsche Umgangssprache eroberten.

Seine erste gedankliche Begegnung mit der Bundesrepublik fällt in die 1980er Jahre. Baracks Halbschwester Auma Obama aus Kenia studierte in Heidelberg. Und er, Anfang 20, suchte Kontakt zu ihr, auf der Suche nach seiner eigenen Identität. Den Vater, den er mit Auma und weiteren sechs Kindern aus vier Ehen gemeinsam hat, hat er nie richtig kennengelernt. Er war 1959 als Gaststudent aus Kenia nach Hawaii gekommen, hatte Baracks Mutter geheiratet, die Familie aber wieder verlassen, als Barack zwei Jahre alt war. Nur einmal sah Barack den Vater noch einmal für einige Tage um Weihnachten 1971 herum, er war zehn. 1982 starb der Vater bei einem Autounfall in Kenia. Da studierte Barack bereits in New York.

Auma, so verabreden sie sich ein, zwei Jahre später, als Barack in New York seinen ersten bezahlten Job in einem Wirtschaftsberatungsbüro angetreten hat, wird ihn besuchen. Dann haben sie Zeit zu reden: über den Vater, ihre Herkunft und über Deutschland. Er kauft Bettwäsche für Auma. Doch zwei Tage vor ihrem Besuch sagt sie ab. Sie muss nach Afrika, weil dort ein Halbbruder bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist.

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