US-Präsidentschaftswahl : Die Wählerschaft in den USA wird bunter

Bei der US-Wahl am 8. November stimmt eine Bevölkerung ab, die ethnisch und religiös so vielschichtig ist wie nie. Das könnte die Wahl entscheiden.

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Protest gegen Donald Trump vor dem Trump Tower in New York. Foto: Imago
Protest gegen Donald Trump vor dem Trump Tower in New York.Foto: Imago

„Das weiße christliche Amerika stirbt“, lautete im Sommer die Überschrift eines Berichts der „Washington Post“. Tatsächlich lässt die demografische Diversifizierung Minderheiten wichtiger werden und relativiert die lange unangefochtene Vormachtstellung der weißen Christen. Nach einer Schätzung des US-Statistikamtes werden die Weißen in weniger als 30 Jahren nicht mehr die ethnische Mehrheit in den USA stellen. Das hat schon jetzt Folgen. Vor allem bei Wahlen.

In den Jahren 2008 und 2012 siegte Barack Obama nicht zuletzt deshalb, weil er eine Koalition aus afro-amerikanischen und hispanischen Wählern, aus jungen Leuten und Wählern mit Hochschulbildung schmieden konnte.

Das reichte, um als erster Schwarzer zum US-Präsidenten gewählt zu werden. Trotz der mehrheitlichen Unterstützung weißer Wähler für die Republikaner. Vor vier Jahren vereinigte Obamas Herausforderer Mitt Romney die Stimmen von knapp 55 Millionen weißen Wählern auf sich – Obama kam hingegen lediglich auf 36 Millionen weiße Wählerstimmen und gewann am Ende trotzdem mit einem landesweiten Vorsprung von fünf Millionen Stimmen.

Clintons Wähler

Bei der Wahl am kommenden Dienstag steht Hillary Clinton vor der Aufgabe, die sogenannte Obama-Koalition für sich zu nutzen, während Donald Trump das weiße Amerika zum Sieg führen will. Fast 90 Prozent der Afro-Amerikaner und 75 Prozent der Hispanier wollen laut Umfragen für Clinton stimmen.

Das garantiert der ehemaligen Außenministerin allerdings keineswegs den Sieg, denn die jüngsten Erhebungen legen nahe: Viele Mitglieder dieser Wählergruppen könnten am Wahltag frustriert zu Hause bleiben. Der generelle Trend ist klar: Der Einfluss der weißen Amerikaner auf die Wahlergebnisse lässt nach.

Robert Jones, Gründer des überparteilichen Instituts PRRI in Washington, rechnete in der „Washington Post“ vor, wie schnell diese Entwicklung voranschreitet. Nach seinen Angaben stellen weiße Christen heute 67 Prozent aller Amerikaner im Alter von 65 Jahren und darüber – doch bei den 18- bis 29-Jährigen ist ihr Anteil auf ein Drittel zurückgegangen: Immer mehr junge Amerikaner lehnen die Zuordnung zu einer organisierten Religion ab.

Der weiße Bevölkerungsanteil sinkt

Gleichzeitig sinkt der Bevölkerungsanteil der Weißen insgesamt. In der Gruppe der Unter-18-Jährigen werden sie schon innerhalb der Amtszeit des neuen Präsidenten in den kommenden Jahren unter die 50-Prozent-Marke rutschen. Das liegt vor allem an den hohen Einwanderungs- und Geburtenraten der Hispanier.

Die insgesamt 57 Millionen Hispanier stellen in einigen wahlentscheidenden Bundesstaaten inzwischen große Bevölkerungsblöcke, die von der Politik nicht ignoriert werden können: In New Mexico ist fast jeder zweite Bewohner hispanisch, in Kalifornien liegt der Anteil inzwischen bei rund 39 Prozent.

Viele konservative weiße Christen – die Hauptanhängerschaft von Kandidat Trump – haben Angst, sozial abgehängt zu werden. PRRI-Forschungsdirektor Daniel Cox sagte dem Tagesspiegel, Entwicklungen wie die breite gesellschaftliche Unterstützung für die Homo-Ehe und die rückläufige Zahl der Kirchenbesucher weckten bei konservativen Christen die Angst, „kulturell vertrieben“ zu werden. Diese Menschen sorgten sich, „dass die Werte, die ihnen am Herzen liegen, nicht mehr die Werte der meisten Amerikaner sind“.

Trumps Hoffnung

Nicht nur die Weißen sind auf dem Rückzug, auch die weniger Gebildeten, ein wichtiger Teil der Trump-Anhängerschaft. Anfang der 1990er hatte nur jeder zweite US-Wähler einen Hochschulabschluss – heute sind es zwei Drittel.

Dennoch hat Trump durchaus realistische Chancen auf einen Wahlsieg – trotz all der demografischen Faktoren und trotz seiner Unfähigkeit, seine Wählerbasis zu verbreitern und mehr Menschen anzusprechen als nur die weiße Mittelschicht. Das liegt vor allem an etwas, das in US-Medien als das Phänomen der fehlenden Wähler bezeichnet wird.

So basierte Obamas Sieg vor vier Jahren auch auf der Wahlenthaltung vieler Weißer: Rund 47 Millionen von ihnen blieben damals zu Hause. Sollte es Trump gelingen, auch nur zehn Prozent der weißen Wahlverweigerer an die Urnen zu bringen, hätte er die Wirkung der „Obama-Koalition“ außer Kraft gesetzt. Das weiße christliche Amerika mag vor einem langen Siechtum stehen – aber politisch tot ist es noch lange nicht.

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