US-Wahl : Berlin-Bonus für Obama

Auch in Berlin brodeln die Emotionen im Wahlkampf hoch. Exil-Amerikaner rühren bis zum letzten Tag die Werbetrommel für ihren Kandidaten. Gekämpft wird zusammen - gefeiert aber getrennt.

Lars von Törne
Obama
Hätten die in Berlin lebenden US-Bürger das Sagen, wäre Obama der Sieg sicher.Foto: dpa

Obwohl der Amerikaner Paul Kiefer schon Jahrzehnte in Berlin lebt, fühlt er sich in diesen Wochen ziemlich „lonely“, sagt er: einsam. Kiefer ist Anhänger der US-Republikaner. Als Unterstützer von Präsidentschaftskandidat John McCain hat er einen schweren Stand in der Stadt, in der im Sommer Hunderttausende Barack Obama wie einen Erlöser feierten.

„Die Leute unterstellen McCain, er sei wie Bush“, ärgert sich Kiefer beim Gespräch in einem Schöneberger Lokal. „Absurd!“ Dann schnappt er sich Ser viette, Messer und Gabel: „Das hier ist Bush“, sagt er und legt die Serviette weit nach rechts. Für Obama steht die Gabel am linken Tischrand. „Und hier ist McCain“, sagt Kiefer und legt das Messer entschlossen in die Mitte.

Die Emotionen gehen hoch im US-Wahlkampf, auch in Berlin. Das hatte Kiefer ein paar Tage zuvor wieder gespürt. Da sitzt der Anwalt und Dozent am Touro-College mit einem anderen Republikaner und zwei Vertretern der Democrats Abroad, der Auslandsorganisation der US-Demokraten, auf dem Podium im Amerikahaus. Hunderte sind gekommen, um die Debatte zu sehen, Deutsche und Amerikaner. Die Rollen sind klar verteilt: Sagen die Demokraten etwas oder wird Obama erwähnt, gibt es lauten Jubel im Saal. Sagen die Republikaner etwas, klatschen gerade mal drei, vier Leute.

Dass seine Meinung hier jemals mehrheitsfähig wäre, erwartet Kiefer nicht: Von den mehr als 10 000 gezählten Amerikanern in Berlin sei die große Mehrheit „artsy crowd“, Künstlervolk, das zu 95 Prozent den Demokraten zuneige. Dem stünde eine kleine Gruppe ehemaliger US-Militärs gegenüber, die zu 95 Prozent Republikaner wählten. Dazwischen liegen die übrigen Amerikaner. Schätzungen zufolge wählt höchstens jeder zehnte US-Bürger in Berlin republikanisch.

Dennoch geben sich beide Seiten Mühe, die letzten potenziellen Nichtwähler zur Briefwahl zu bewegen. Die ist noch bis zum eigentlichen Wahltag möglich, dem 4. November. Und so ziehen die Demokraten durch die Stadt, veranstalten Picknicks und Partys und stellen ihre Tische vor Kinos und Veranstaltungsorten auf. Dutzende Freiwillige – Amerikaner und Deutsche – verkaufen Anstecker und werben um Spenden. Die Republikaner, die weniger Wahlhelfer haben, setzen mehr auf die Teilnahme an Diskussionsveranstaltungen, sagt Jan Burdinsky, Programmdirektor der Republicans Abroad.

Die durch Obamas Besuch an der Siegessäule ausgelöste Euphorie der ersten Wahlkampfmonate ist unter den Auslandsdemokraten inzwischen gedämpft. „Die Wirtschafts- und Finanzkrisen werden den nächsten Präsidenten zwingen, viele Abstriche an seinem Programm zu machen“, sagt Jerry Gerber, Sprecher der Democrats Abroad in Berlin. „Aber ein Anfang muss gemacht werden, damit wir alle endlich aufatmen können.“ Er hofft, dass ein Präsident Obama alle „undemokratischen, reaktionären, kriegslüsternen Maßnahmen“ der Bush-Regierung zurück nimmt, vom „Patriot Act“ über die Abhörgesetze bis Guantanamo, und außerdem den Irak-Krieg beendet. „Wir müssen unseren Nachbarn in Deutschland und anderswo mit Stolz begegnen können“, hofft Gerber.

Treffen die Kontrahenten aufeinander, wird es schnell polemisch, wie neulich im Amerikahaus. Da spotten US-Demokraten wie Gerber und Michael Steltzer, Deutschlandchef der Organisation, abfällig über den Republikaner John McCain und dessen Vizekandidatin Sarah Palin, verlieren aber kaum ein Wort dazu, was denn unter einem Präsidenten Obama besser wäre. Im Gegenzug teilt Stefan Prystawik, Deutschland-Vizechef der Republicans Abroad, gegen das Berliner Publikum aus und wirft den Zuhörern vor, die Verdienste republikanischer Präsidenten um die Stadt zu ignorieren.

Paul Kiefer, der lange die Auslandsrepublikaner führte und jetzt einfaches Mitglied ist, versucht in mühsam beherrschtem Ton, der ablehnenden Zuhörerschaft zu erklären, dass es für ihn gute Gründe gibt, John McCain zu wählen. Da geht es um niedrige Steuern, minimale Staatseingriffe, die Verantwortung der Privatwirtschaft, den Charakter McCains, und auch darum, dass sich viele Amerikaner mit Sarah Palin identifizieren – „ob es uns gefällt oder nicht“.

Das provoziert im Publikum und auf der Bühne spöttisches Gelächter und Unruhe. Demokrat Gerber zieht eine Parallele von Bush zur DDR, vergleicht die Grenze zu Mexiko mit der Berliner Mauer und die Abhörmaßnahmen der US-Regierung mit Methoden der Stasi. Aus dem Publikum kommen für Kiefer Fragen wie die, ob er wirklich wolle, dass Sarah Palin sein Land regiere, falls McCain erkranke oder sterbe. Kiefers trockene Antwort: „Mir ist eine unerfahrene Vizepräsidentin lieber als ein unerfahrener Präsident.“ Angesprochen auf Amtsinhaber Bush, reagiert allerdings auch der sonst so souverän wirkende Republikaner dünnhäutig. „Worin unterscheiden sich Bush und McCain?“, will ein deutscher Zuhörer wissen. „Das ist die falsche Frage“, maßregelt ihn Kiefer: „Die richtige Frage wäre, was ist der Unterschied zwischen McCain und Obama?“ Auch dem Republikaner Prystawik sind Bush-Fragen unangenehm. Seine Antwort: „Bush steht hier nicht zur Wahl.“ Als ein Frager nachhakt, ruft Prystawik: „Es handelt sich nicht um Gott W. Bush, sondern um George – er ist auch nur ein Mensch.“ Damit hat er zumindest die Lacher auf seiner Seite.

Öffentliche Wahlpartys vom 4. auf den 5. November: US-Demokraten: ab 22.30 Uhr bis morgens im Babylon-Kino, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte (Eintritt 5 Euro). Auslands-Republikaner: ab 22 Uhr im „Wahlkreis“, Reinhardtstraße 37, Mitte (Eintritt frei). Sonstige Wahlpartys (ausgebucht oder nur mit Einladung): Amerikahaus, Telekom-Repräsentanz, Bertelsmann, Hertie School of Governance. Deutsche Vertreter der Parteien im Internet: www.demsinberlin.de und www.republicansabroad.de

Um die Folgen der Wahl geht es auch beim Treffpunkt Tagesspiegel am Mittwoch um 18 Uhr im Hotel Interconti. Anmeldung bis 3. November unter Tel. 27 87 18-15 oder per Mail: treffpunkt-tagesspiegel@vf-holtzbrinck.de (begrenzte Platzzahl)

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