Politik : USA: Auf dem Sprung

Malte Lehming

Auch in Connecticut wollte man an den Verheißungen der Biomedizin teilhaben. Deshalb beschloss vor sieben Monaten der Senat der University of Connecticut, fünf neue Wissenschaftler einzustellen und fünf Millionen Dollar (11 Millionen Mark) in ein neues Gebäude und Laboratorium zu investieren. In Uconn sollte das Top-Zentrum der USA für therapeutisches Klonen entstehen.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Am Dienstag jedoch erhielt die Aufbruchstimmung der gesamten US-Forschergemeinde einen empfindlichen Dämpfer. Das Repräsentantenhaus stimmte mit klarer Mehrheit für ein Gesetz, das jede Art des Klonens verbietet und unter Strafe stellt. Verstöße sollen mit bis zu zehn Jahren Gefängnis und einer Million Dollar Buße geahndet werden. Selbst die Einfuhr von Medikamenten sowie die Übernahme von Heilmethoden, bei deren Entwicklung menschliche Zellen geklont wurden, würden verboten. Ein Gesetz, das nur das Klonen zu reproduktiven Zwecken verbietet, aber das therapeutische Klonen zu Forschungszwecken erlaubt, scheiterte. "Die Wissenschaft hält das nicht auf", sagt der enttäuschte Gen-Professor von Uconn, Xiangzhong Yang. "Der Fortschritt findet dann nicht mehr in Amerika statt."

Noch ist das Klon-Verbot nicht Gesetz. Ob der Senat nach der Sommerpause dem rigiden Votum des Repräsentantenhauses folgt, ist fraglich. Aber ein deutliches Signal sind die Restriktionsbemühungen der amerikanischen Legislative in Sachen Biomedizin allemal. Die Gentechnik-Branche ist erschüttert. Deren Börsenkurse purzelten am Tag nach der Abstimmung in den Keller. Das Unternehmen "Geron" in Kalifornien verzeichnete einen Rückgang um 8 Prozent. Die "Geron"-Aktie, die im Jahreshoch mit 35,75 Dollar gehandelt worden war, kostete am Mittwoch 13,70 Dollar. Die Papiere der ebenfalls in Kalifornien angesiedelten Firma "StemCells" fielen in ihrem Wert gar um 16 Prozent - und das, obwohl bei "StemCells" bewusst nicht geklont wird. Die embryonalen Stammzellen, mit denen die Wissenschaftler dort arbeiten, werden ausschließlich Totgeburten oder abgetriebenen Föten entnommen.

Einige der insgesamt etwa 180 Biotech-Firmen überlegen jetzt, ihre Forschung ins Ausland zu verlagern. Ausgerechnet die größten unter ihnen haben schon Vorsorge getroffen. Der Marktführer "Geron", aber auch kleinere Firmen wie "BioTransplant" aus Massachusetts, sind seit längerer Zeit global vernetzt. Vor zwei Jahren hat "Geron" das schottische Unternehmen "Roslin BioMed" gekauft, wo 1997 das Schaf "Dolly" geklont worden war. "BioTransplant" wiederum hält Anteile an der australischen Firma "Stem Cells Sciences", die intensiv auf dem Gebiet des therapeutischen Klonens forscht. Der Chef von "BioTransplant", Elliot Lebowitz, ist deshalb auch nur begrenzt unglücklich über die Verbots-Initiative des Repräsentantenhauses. "Gegenüber konkurrierenden US-Unternehmen hätten wir im Falle eines tatsächlichen Verbotes wegen unserer Vernetzung einen gewissen Marktvorteil."

Bedauerlich freilich wäre der zu erwartende Brain-drain, die Abwanderung der wissenschaftlichen Elite aus den USA. Ein führender Stammzellen-Experte, Roger Pedersen von der "University of California at San Francisco", hat sich bereits nach Großbritannien abgesetzt, in das Mekka der Gentechnik-Forschung. Als einen der Gründe nannte er das politische Klima in den USA.

Die führenden Zeitungen in den USA haben sich klar gegen ein umfassendes Klon-Verbot ausgesprochen. Befürwortet wird sowohl die embryonale Stammzellen-Forschung als auch das therapeutische Klonen. Die Abstimmung im Repräsentantenhaus wird als "Überreaktion" und "Schande" kritisiert. Entsetzt sind die Intellektuellen darüber, wie undifferenziert sogar unter Parlamentariern über das Klonen debattiert wird. Horrorvisionen von Frankenstein-Monstern oder Verrückte wie der Sektenchef Rael, der angekündigt hat, Adolf Hitler klonen zu wollen, beherrschen die Phantasien. "Wir haben noch viel Arbeit vor uns, um die Öffentlichkeit über unsere Ziele aufzuklären", sagt auch der Sprecher von "Advanced Cell Technology", dass durch therapeutisches Klonen schwere Krankheiten behandeln zu können.

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