USA : Obama und die Generäle

Der Journalist Bob Woodward beschreibt in seinem Buch die Debatten im Weißen Haus über Afghanistan. Woodward schildert Obama als Präsidenten, der sich den Militärs entgegenstellt.

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Barack Obama mit dem Oberbefehlshaber in Afghanistan, David Petraeus.
Barack Obama mit dem Oberbefehlshaber in Afghanistan, David Petraeus.Foto: picture alliance / dpa

Bob Woodward ist eine Legende. Gemeinsam mit Carl Bernstein hat er 1972 in der „Washington Post“ den Watergate-Skandal aufgedeckt, der schließlich zu Präsident Nixons Rücktritt führte. Ihre Namen stehen für investigativen Journalismus. Woodward hat den Ruf, besser vernetzt zu sein im politischen Amerika als andere und deshalb mehr zu erfahren über die wahren Abläufe hinter den Kulissen, zum Markenzeichen entwickelt. Seine Bücher über die verdeckten Kriege der CIA und die Militärinterventionen der USA in den 80er und 90er Jahren haben ihn zum Multimillionär gemacht. Über George W. Bushs achtjährige Amtszeit hat er vier Bestseller geschrieben.

Am Montag erscheint nun sein erstes Buch über Barack Obama: „Obama’s Wars“. Im Mittelpunkt steht die lange Debatte um die richtige Strategie für Afghanistan, die sich über Monate hinzog und zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Obamas politischen Beratern und seinen Generälen führte. Seit einer Woche bombardiert der Verlag Simon & Schuster die Öffentlichkeit mit Vorabmeldungen; das Ziel ist, 630 000 Exemplare zu verkaufen. Die „Washington Post“ macht seit Tagen Schlagzeilen mit Auszügen aus dem 464 Seiten starken Buch – und aus dem Interview, das der Präsident Woodward dafür gab. Obamas Ziel in Afghanistan sei nicht der militärische Sieg, sondern die Gestaltung eines möglichst raschen Abzugs der USA. Und: Die CIA habe eine geheime Spezialtruppe von 3000 Afghanen aufgebaut, die Jagd auf Al-Qaida-Führer und Taliban-Kommandeure mache. Formal gehört Woodward weiter der Chefredaktion der „Washington Post“ an, obwohl er nur selten in der Redaktion erscheint. Auch die „New York Times“ bekam das Manuskript vorab, obwohl sie ein Konkurrent der „Post“ ist.

Wie bei früheren Woodward-Büchern erzeugt diese gewaltige PR-Maschinerie einen Grundwiderspruch. Die Werbestrategie setzt darauf, Woodward als „Enthüllungsjournalisten“ zu vermarkten und das Buch als Fundgrube für Sensationen. Vizepräsident Biden nenne den Afghanistan-Vermittler Richard Holbrooke den „egozentrischsten Bastard“, dem er je begegnet sei. Sicherheitsberater Jim Jones bezeichne Obamas innersten Zirkel, in dem Strategieberater David Axelrodt, Stabschef Rahm Emanuel und Sprecher Robert Gibbs den Ton angeben, als „Mafia“, „Wasserwanzen“ und „Politbüro“. Präsident Karsai sei sprunghaft und unzuverlässig, weil er unter schweren Depressionen leide und die Medikamente mal nehme, mal absetze. Solche Details finden rasch Verbreitung.

Die Buchauszüge zeigen Woodward dagegen als sanften Chronisten, der mit ganz vielen Mitentscheidern geredet hat, um ihre unterschiedlichen Perspektiven auf Afghanistan zu verstehen: Regierungsmitglieder, Militärs, Geheimdienstler. Deren Schilderungen setzt Woodward in fiktive Gesprächsprotokolle um, so als sei er in den entscheidenden Sitzungen mit im Raum gewesen. Die Beschreibungen sind empathisch; er will es sich mit niemandem verscherzen, sondern sich seinen Zugang erhalten, um in zwei Jahren den nächsten Bestseller vorzulegen. Das galt auch schon unter Bush: Er kam in Woodwards Büchern erstaunlich positiv weg.

Die Erwartung, das neue Buch werde Obama in Schwierigkeiten bringen, ist wohl ein vorschnelles Urteil. Woodward schildert ihn als Präsidenten, der sich den Militärs entgegenstellt, damit Amerika nicht in ein weiteres „Vietnam“ gezogen werde: einen Krieg, in dem die Generäle bei jeder Verschlechterung der Lage nach noch mehr Truppen rufen und kein Ende absehbar ist. Sie forderten 40 000 Soldaten mehr. Obama genehmigte 30 000 – und auch die nur, nachdem alle Beteiligten ein Sechs-Punkte-Papier unterschrieben hatten, dass sich so die Lage stabilisieren lasse und 2011 der Abzug beginnen kann. „Ich lasse mich nicht auf zehn Jahre nation building ein“, sagt Obama. Und er wolle auch nicht eine Billion Dollar für Afghanistan ausgeben.

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