Politik : Verdächtiger bestreitet Mord an Anna Lindh

Schwedens Polizei unter Zeitdruck Wollte der 35-Jährige sich töten?

Sven Lemkemeyer

Stockholm/Berlin. Im Fall des wegen Verdachts des Mordes an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh festgenommenen Mannes steht die Polizei unter Zeitdruck. Bis zum heutigen Freitag, 12 Uhr, muss sie belastendes Material gegen den 35-Jährigen präsentieren, sonst muss er freigelassen werden. Die Ermittler erhielten am Donnerstag die ersten Ergebnisse eines DNA-Tests, die Staatsanwaltschaft entschied aber, sie erst nach der Trauerfeier, die heute ab 11 Uhr in Stockholm stattfindet, zu veröffentlichen.

Die Polizei betonte, auch nach der Festnahme des Schweden werde nach mindestens fünf anderen Personen gesucht. „Leider scheint die Bevölkerung davon auszugehen, dass der festgenommene Mann der Mörder ist, so dass nahezu keine Hinweise mehr eingehen“, sagte Sprecher Lars Grönskog. Es sei nicht erwiesen, dass es sich bei dem Verdächtigen um den Täter handele.

Am Mittwochabend war der Mann mehr als zwei Stunden von den Fahndern verhört worden. Die Behörden machten zu den Inhalten keine Angaben. Der landesweit bekannte Anwalt des Verdächtigen, Gunnar Falk, sagte, sein Mandant habe erklärt, „nichts mit der Sache, die im Kaufhaus NK passiert ist, zu tun“ zu haben. Unklar blieb, ob der Mann für die Tatzeit ein Alibi hat. Lindh war in dem Kaufhaus am 10. September von einem Mann niedergestochen worden und einen Tag später ihren inneren Verletzungen erlegen.

Wie der Chef der Stockholmer Kronoberg-Haftanstalt, Lars-Åke Petterson, bestätigte, wird der 35-Jährige zurzeit „jede Sekunde“ durch eine Glaspanzertür bewacht. Zu den Gründen wollte sich Petterson nicht äußern. Die Boulevardzeitung „Expressen“ berichtete unter Berufung auf Quellen in der Haftanstalt, der Verdächtige habe sich am Mittwoch das Leben nehmen wollen. Er habe versucht, seine Kleider aufzuessen, um sich selbst zu ersticken. Bereits am Mittwoch hatten die Medien berichtet, dass er in einem rechts-psychiatrischen Gutachten als erheblich gestört eingestuft worden war.

An der Trauerfeier in Stockholm nehmen heute unter anderem Bundesaußenminister Joschka Fischer und seine Kollegen aus Frankreich und Großbritannien, Dominique Villepin und Jack Straw, teil. US-Außenminister Colin Powell sagte sein zunächst angekündigtes Erscheinen am Donnerstag ab, da wegen des Hurrikans in Amerika ein Flug nicht möglich sei. Zu der Zeremonie werden auch Schwedens König Carl XVI Gustaf und Königin Silvia erwartet. In Stockholm gilt heute die höchste Sicherheitsstufe. Lindh soll am Samstag nach Angaben des Außenministeriums im engsten Familien- und Freundeskreis beigesetzt werden.

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