Politik : Vergessene Siegermacht

Von Christoph von Marschall

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Jedes Volk braucht Geschichtsmythen – für sein Selbstbewusstsein und um dem Heute und Morgen einen Sinn zu geben, der im Gestern gründet. Für die Polen hat der Warschauer Aufstand diese Bedeutung seit langem schon, auch wenn die Jahrestage erst seit der Wende offiziell begangen werden. Die kommunistischen Regime hatten versucht, die Erhebung der bürgerlichen Untergrundarmee aus dem nationalen Gedächtnis zu tilgen. Stalin hatte den Versuch der Polen, die Hauptstadt aus eigener Kraft zu befreien, zynisch unterlaufen, verweigerte jede Hilfe, stoppte den Vormarsch der Roten Armee für sechs Wochen. Auch von den Westalliierten fühlten sich die Polen im Stich gelassen.

Ist das lange internationale Schweigen der Grund, warum die Deutschen so wenig über den Aufstand wissen? Oder hat es mit uns und unseren Geschichtsbildern zu tun, dass diese europaweit größte Volkserhebung gegen Hitler in den Schulen keine Rolle spielt? 60 Jahre hat es gedauert, bis die Deutschen sich breiter mit dem Ereignis beschäftigen. Das ist bitter nötig. Der schrille Streit um andere Geschichtsthemen, die Vertreibung und Enteignung, zeigt: Gute Nachbarschaft ist schwer, wenn die einen keinen Zugang zum Selbstbild der anderen finden. Das können auch noch so große Erfolge bei der deutschpolnischen Annäherung nach 1989 nicht ersetzen, auch nicht die neue gleichberechtigte Partnerschaft in EU und Nato. Ein Gedenken im großen Rahmen und Symbole, denen sich die Herzen nicht entziehen, haben die Macht, Geschichtsbilder zu ändern – und in der Folge vielleicht auch den Umgang miteinander. Weil Respekt wächst. Der kleinere Ghetto-Aufstand der Warschauer Juden ein Jahr vor dem der Heimatarmee hat sich durch Willy Brandts Kniefall ins deutsche Bewusstsein eingebrannt. Nur lassen sich solche Gesten nicht beliebig wiederholen.

Kanzler Schröder hat einen Mittelweg beschritten. Er hat den Kniefall nicht kopiert – doch nicht deshalb, weil er, wie er sagt, „Pathos nicht kann“; das kann er schon. Sondern weil es nicht angemessen gewesen wäre. Er ist nicht Brandt, und die Zeiten sind andere. Er hat sich vor den Opfern verneigt und seine Scham über die deutschen Verbrechen bekannt. Und versucht, Polens Ängste vor Rückgabe- oder Entschädigungsforderungen zu beruhigen, indem er bis an die Grenze dessen ging, was das Verfassungsgericht in seinen Urteilen zu den Ostverträgen zugelassen hat. Was die Polen hören wollten – dass der Kanzler im Namen aller Deutschen auf jegliche Ansprüche verzichtet –, das darf er nicht sagen. Die Politik ist nicht berechtigt, private Rechtsansprüche aufzugeben. Schröder hat aber – wie zuvor Bundespräsident Köhler – betont, dass die Politik solche Forderungen nicht unterstützt, ja für schädlich hält.

Vielleicht kann Deutschland aber noch mehr tun. Erstens, die Erweiterung der EU auch in den Geschichtsbildern nachvollziehen. Das Unwissen über den Warschauer Aufstand ist ja nur ein Beispiel. Polen gehörte zu den Siegermächten, hatte an allen Fronten mitgekämpft, bei der Luftschlacht um England, beim Sturm auf Monte Cassino in Italien, in Norwegen, im Nahen Osten – und bekam nach Kriegsende auch folgerichtig eine Besatzungszone am Niederrhein. Das ist vergessen. Polen gilt als Verlierer des Kriegs, weil es von deutscher unter sowjetische Besatzung kam. Dabei ist sein unbedingter Freiheitswille, der den Sturz des Kommunismus und die deutsche Einheit ermöglichte, eine ehrenvolle Mitgift für Europa.

Zweitens kann Deutschland Polen helfen, das ungelöste Problem von Rückgabe und Entschädigung oder generellem Verzicht darauf zu lösen – ohne dass dies Gerechtigkeit und Finanzen überfordert und die Siegermacht zum materiellen Verlierer macht. Die Frage betrifft nicht allein deutsche Vertriebene, sondern zuerst enteignete Polen und Juden. Offene Eigentumsfragen sind auch ein Investitionshindernis. Schon wahr, nirgends ist das Problem so kompliziert wie in Polen, das um 250 Kilometer nach Westen verschoben wurde. Aber aus ungarischen, tschechischen und deutschen Erfahrungen lässt sich vielleicht lernen. Dann wäre Polens Sieg über die Geschichte komplett.

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