Verkehr in Deutschland : Ein Lob auf die Pendler

Dauernd im Stau stehen und die Umwelt verpesten, wie doof? Auf denjenigen mit den langen Arbeitswegen wird gern herumgehackt. Völlig vermessener Ansatz. Eine Kolumne.

Werner van Bebber
... morgens rein und abends wieder raus. Mal mehr, mal weniger zügig.
... morgens rein und abends wieder raus. Mal mehr, mal weniger zügig.Foto: picture alliance / dpa

Das Pendeln zur Arbeit macht angeblich krank. Außerdem macht es dick, verursacht Nacken-, Schulter- und Rückenschmerzen, Müdigkeit, Gelenk-, Glieder- und Kopfschmerzen, Erschöpfung, Mattigkeit Schwindel- und Völlegefühl!

So nachzulesen in einer kleinen Studie der AOK und bereitwillig übernommen von allen, die die jährlich steigenden Pendlerzahlen kommentieren. Aber ist wie immer, wenn monokausal argumentiert wird. Man kann es auch ganz anders sehen.

Vermutlich niemand hat gern das Gefühl, seine Zeit zu verplempern. Aber die angebliche Schlechtigkeit des Pendelns beginnt schon bei der Definition: Pendler brauchen mehr als 45 Minuten zur Arbeit. Ist einer, der in Tegel wohnt und in Adlershof arbeitet, ein Pendler, bloß weil er meint, im Stau auf der Stadtautobahn stehen zu müssen?

Ein Viertel der arbeitenden Menschen aus Brandenburg hat einen Arbeitsweg von mindestens 25 Kilometern Länge und braucht eine halbe Stunde und länger. Folgt man der zitierten Studie, müssten die Leute alle an Gliederschmerzen und Mattigkeit leiden. Vielleicht aber bewerten die Leute die Zeit, die sie unterwegs verbringen, ganz anders.

Nicht jeder will sein Leben so durch ökonomisieren, dass die Wegezeiten möglichst kurz und die Arbeitszeiten möglichst lang werden. Wäre das so, dann würden auf dem Wohnungsmarkt vollautomatisierte Mini-Appartements, in denen Manager ihre Körperfunktionen aufrechterhalten, alle anderen Angeboten dominieren.

Es mag Leute geben, die so leben wollen. Aber meistens wohnen Menschen nicht da, wo es scheinbar optimal ist, sondern da, wo sie es mal gut und schön fanden oder immer noch finden. Eine Wohnung oder ein Haus liegen, wenn es einigermaßen gut gelaufen ist, in einem Lebensumfeld. Da gibt es Beziehungen – zu Nachbarn, zu Freunden, die man treffen will, zur Schule, zum Sportverein, zum Fitness-Studio. Man kann alles wechseln. Aber abgesehen vom Geld und von den kargen Wohnungsmärkten der großen Städte kosten ständige Wechsel und Disruptionen eine Menge Kraft. Sie sind bloß dann keine Zumutung für Partner, Kinder, Freunde, wenn man sich allein um sich selbst und niemanden sonst kümmert.

Und die Städter? Stehen jedes Wochenende im Stau - Richtung Land

Sogar Menschen, die wirklich lange Wege zur Arbeit zurücklegen müssen, haben dafür oft gute Gründe. So genannte Fernpendler fahren pro Arbeitsweg 50 Kilometer und mehr - zum Beispiel, weil sie ihre Arbeit mögen und/oder gut verdienen und weil sie darüberhinaus ihre Kinder in einer stabilen Situation großziehen wollen. Gerade auf dem Land ist es oft so, dass der Familienverbund robuster ist als in der Stadt. Das kann ein Wert an sich sein – und ein Grund zum Pendeln. Überzeugte Pendler-Kritiker kommen jetzt mit dem Argument, dass die Mittel- und Langstreckenpendler jeden Arbeitsweg nur mit schlechtem Gewissen zurücklegen dürfen, un-ökologisch, wie sie nun mal leben mit ihren Häusern und in Dieselfahrzeugen.

Das Argument trägt allerdings nur bis zum nächsten Wochenende, an dem man wieder darüber staunt, in welchen Massen es die Menschen aus den Städten zieht, und dass es für einen Wochenendausflug ohne Bedeutung ist, wenn sich abends alles wieder in die Stadt hineinstaut.

Es sind auch nicht wenige Stadtbewohner vom Wohnen in der Stadt so gestresst, dass sie dreimal im Jahr mit dem Flugzeug in den Urlaub reisen müssen. Ökologisch korrekt lebt nur der, der wirklich zusammenrechnet, wie nachhaltig er lebt. Das machen wenige Leute.

Die moralische Aufladung des Pendlerphänomens lenkt bloß davon ab, dass die Verkehrsinfrastruktur zu den Problemen, zumal zur Umweltverschmutzung, ebenso viel beiträgt wie die Leute in ihren Autos.
In Berlin kann man sehen, wie viele Leute aufs Fahrrad umsteigen, weil die Infrastruktur von den Straßen bis zur S-Bahn überstrapaziert ist und das Autofahren nervt. Ob es schnell noch mehr werden, die 15 oder 20 Kilometer radeln, hängt schlicht vom Ausbau der Radschnellwege ab. In anderen Städten gibt es außerdem längst so etwas wie eine E-Bike-Infrastruktur für lange Strecken. Da wird die Berliner Politik vielleicht auch noch drauf kommen.
Die Leute, die zur Arbeit länger als zehn Minuten brauchen, werden dann die sein, denen die Stadt zu anstrengend und zu nervig ist. Sie mögen das Leben in übersichtlichen Zusammenhängen. Und sie wissen: Völlegefühl kommt nicht vom Pendeln. Es kommt vom vielen Essen.

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