Politik : Verordnete Vergangenheit

Historiker kritisieren vom Staat gelenkte Geschichtspolitik in Russland / „Bild einer beleidigten Großmacht, die sich verteidigen muss“

Claudia von Salzen

Berlin - Die Haltung der Russen zu Josef Stalin hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark gewandelt. Heute zählt mehr als jeder dritte Russe den sowjetischen Diktator, dessen Terrorherrschaft Millionen Menschen zum Opfer fielen, zu den bedeutendsten Persönlichkeiten aller Zeiten, wie eine Umfrage des russischen Lewada-Zentrums im Juli ergab. In der Gunst der Russen wird Stalin nur noch vom Nationaldichter Alexander Puschkin und Zar Peter dem Großen übertroffen. Im Jahr 1989, noch vor dem Ende der Sowjetunion, waren es dagegen nur zwölf Prozent, die Stalin für eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hielten. Vor 20 Jahren sei auch die Ansicht verbreitet gewesen, dass das sowjetische Regime das Land an den Rand der Zivilisation geführt habe und dass sich Russland an westlichen Werten orientieren solle, sagte der Soziologe Boris Dubin vom Lewada-Zentrum bei den Deutsch-Russischen Herbstgesprächen in Berlin. „Heute glauben zwei Drittel der Bürger, Russland solle seinen eigenen Weg gehen, und die Beziehungen zum Westen würden nie freundschaftlich, sondern immer feindlich sein.“

Diese dramatischen Veränderungen in der Sicht der Bevölkerung auf die Geschichte und auf die weltpolitische Rolle ihres Landes erklären Historiker mit einer von oben verordneten Geschichtspolitik, die totalitäre Elemente enthält und im staatlichen Fernsehen, im Schulunterricht oder in Kinofilmen ihren Niederschlag findet. „Dabei wird das Bild einer beleidigten Großmacht gezeichnet, die nur Verteidigungskriege führt“, sagt der Historiker Nikita Sokolow. In den Augen der russischen Bürger sei ihr Land stets das Opfer gewesen. „Russland wird als Festung dargestellt, die sich immer verteidigen muss.“ Dieses Gefühl, von Feinden umgeben zu sein, erklärt nach Ansicht Sokolows auch den Wunsch vieler Russen nach einer autoritären Führungsperson. Genau diese Sehnsucht bedient der heutige Regierungschef Wladimir Putin.

Das Geschichtsverständnis spielt auch bei der Bewertung aktueller Konflikte eine wichtige Rolle: „Der Krieg im Kaukasus gab den Menschen das Gefühl, dass Russland bedroht sei“, sagte Dubin. Der Eindruck, beleidigt worden zu sein, habe die Bevölkerung zusammengeschweißt. Schließlich hatte Moskau den Einmarsch in Georgien damit begründet, die eigenen Landsleute schützen zu müssen. Außerdem ging es darum, Einflusssphären zu behaupten. Dementsprechend wurde der Konflikt in Russland auch dargestellt und wahrgenommen: „Das war kein realer Krieg, sondern ein Krieg Russlands gegen die USA, eine Antwort auf den feindlich gesinnten Westen“, sagte Dubin. So ist es kein Wunder, dass die Russen in jüngsten Umfragen die EU und die USA negativer einschätzten als je zuvor.

Die russische Sicht auf die Geschichte belastet immer wieder das Verhältnis zu den Nachbarn. Polen, die Ukraine und die baltischen Staaten erwarten, dass sich Moskau kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzt. „Der Kommunismus und seine Verbrechen müssen verurteilt werden“, forderte der frühere estnische Ministerpräsident Mart Laar. Doch davon ist Russland noch weit entfernt. Auf der anderen Seite gibt es auch in Osteuropa immer wieder Versuche, die Geschichte zu instrumentalisieren – etwa wenn ein polnischer Minister den Vertrag über die Ostseepipeline mit dem Hitler-Stalin- Pakt vergleicht.

Und der Ausweg aus diesem Dilemma? Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial hat ein internationales Geschichtsforum gefordert. Polen und Russland haben immerhin einen ersten Schritt in diese Richtung gewagt und eine Kommission gebildet, die schwierige Fragen der gemeinsamen Geschichte klären soll.

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