Politik : Verraten und verkauft

Wie die USA Al-Qaida-Führer Sarkawi auf die Spur kamen – entscheidend war sein religiöser Beistand

Christoph von Marschall[Washington]

Abu Mussab al Sarkawi, der am Mittwoch getötete Topterrorist Al Qaidas im Irak, wurde das Opfer von Verrat, minutiöser Geheimdienstarbeit und technischer Präzision. Die entscheidende Spur war sein religiöser Beistand. Die US-Zeitungen berichteten am Freitag breit über die Ereignisse, die zu Sarkawis Tod durch einen Bombenangriff auf ein kleines Bauernhaus am Ortsrand von Hibhib, einem Dorf rund 50 Kilometer nördlich von Bagdad, führten. Die Berichte unterscheiden sich jedoch in vielen Details. Nach neuesten Informationen überlebte Sarkawi den Bombenangriff und starb erst später in Anwesenheit von US-Soldaten an seinen Verletzungen.

Ausgangspunkt für die „Washington Post“ war die Ergreifung eines engen Mitarbeiters Sarkawis im Mai durch den jordanischen Geheimdienst. Als irakischer Zöllner hatte er Geld und Bombenmaterial über die Grenze geschmuggelt. Er verriet, dass Scheich Abdel Rahman Sarkawis neuer spiritueller Berater sei und wo man ihn findet. Sarkawi hatte sich vom vorigen religiösen Beistand getrennt, weil der die Ermordung schiitischer Muslime durch Sarkawis sunnitische Terrorbanden kritisierte. Mehrere Wochen lang überwachten Spezialkräfte Rahman. Als er sich am Mittwoch mit Sarkawi in dem Unterschlupf bei Hibhib traf, bombardierte die US-Luftwaffe das Haus mit zwei lasergesteuerten 225-Kilo-Bomben. Sarkawi wurde in den Trümmern gefunden, wohl noch lebend, und anhand seines Gesichts und der Fingerabdrücke identifiziert. Eine DNA-Überprüfung folgt.

Die detaillierteste Schilderung steht in der „New York Times“. Demnach hatten die Amerikaner neben Sarkawis religiösem Beistand zwei weitere Spuren. Erstens eine Quelle in Sarkawis unmittelbarer Umgebung im Irak. Zweitens sei es gelungen, Sarkawis Satellitentelefon zu orten. Er und seine Gruppe benutzten keine normalen Handys, die sich relativ leicht aufspüren lassen. Irakische Regierungsvertreter bestätigten der Zeitung, dass Sarkawi von einem Komplizen „verkauft“ wurde. Laut Augenzeugen hatten US-Spezialkräfte Hibhib und das etwa 750 Meter außerhalb des Orts gelegene Haus in einer blitzschnellen Luftlandeoperation umstellt. „Sie fielen vom Himmel“, beschreibt ein Anwohner, wie die Soldaten sich von Hubschraubern abseilten. Als es zu einem Schusswechsel kam, wurde der Bombenangriff befohlen, damit Sarkawi nicht flieht. In jüngerer Zeit war die US-Armee ihm zwei Mal dicht auf den Fersen, doch er entkam. In dem Haus starben mit Sarkawi Scheich Rahman, eine Frau, ein Kind und zwei weitere Männer.

Islamistenführer in aller Welt bedauerten Sarkawis Tod, betonten aber, der Kampf gehe unvermindert weiter. Der afghanische Talibanführer Mullah Omar schrieb in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur AP, jeder Jugendliche könne ein Sarkawi werden. Auf islamistischen Websites heißt es, an die Stelle des „Märtyrers“ werden unzählige neue Kämpfer des Dschihad treten. Sein Tod könne „die Nation nicht entmutigen“. Diese Rhetorik des Kampfes einer islamischen Nation gegen den Westen steht im Widerspruch zur Realität. Bekannt wurde Sarkawi durch Anschläge auf die UN-Vertretung in Bagdad und die Enthauptung westlicher Geiseln. Die meisten Opfer des Al-Qaida-Terrors sind aber Muslime. (mit fan)

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