• Versicherer fürchten für heutige Arbeitnehmer Einbußen bis 25 Prozent des derzeitigen Niveaus - wenn nicht reformiert wird

Politik : Versicherer fürchten für heutige Arbeitnehmer Einbußen bis 25 Prozent des derzeitigen Niveaus - wenn nicht reformiert wird

aho

Schlechte Nachrichten für junge Arbeitnehmer: Sie müssen sich im Alter auf eine wesentlich niedrigere Rente als die heutigen Ruheständler einstellen. In Einzelfällen könnte das Niveau der Bezüge zwischen einem Fünftel und einem Viertel unter dem heutigen Niveau liegen. Das ist das Ergebnis von zwei Studien, die der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vorstellte. Gerhard Rupprecht, GDV-Präsidiumsmitglied, fordert deshalb eine dringende Reform der Rentenversicherung.

Die Kürzungen der Ruhestandsbezüge ergeben sich aus Szenarien, die Wissenschaftler des Basler Forschungsinstituts Prognos auf Basis des derzeitigen Rentenrechts ermittelt haben. Danach müssten Rentner im Jahr 2010 mit einer Lücke von 15 Prozent, im Jahr 2040 sogar mit 20 Prozent rechnen.Künftig sollte nach Auffassung des GDV mindestens ein Drittel der gesetzlichen Rente durch betriebliche und private Vorsorge abgedeckt werden.

Empfänger von Erwerbsunfähigkeitsrenten hätten noch größere Einbußen zu tragen. Dort könnte die Lücke bei den Männern bis zu 27 Prozent betragen, was in etwa einem Betrag von 500 Mark entspricht - verglichen mit einer Rente im Jahr 1996. Die Forscher haben dieses Basisjahr ausgewählt, weil sich danach das Rentenrecht recht stark geändert hat. Diese Änderungen - wie etwa die Anhebung der Altersgrenzen, eine geringere Bewertung von Schul- und Ausbildungszeiten - sind auch der Grund für das Sinken der Rente in der Zukunft, sagen die Forscher und skizzieren bemerkenswerte Folgen: In der Summe seien sie stärker als der Effekt des politisch umstrittenen - und derzeit ausgesetzten - Demographiefaktors auf die Entwicklung des künftigen Rentenniveaus.

Doch nicht nur das Rentenrecht bereitet den Experten Kopfzerbrechen. Auch die Überalterung der Gesellschaft und die geringe Zahl junger Leute bringt die gesetzliche Rentenversicherung in Nöte. So wird sich das Verhältnis zwischen alten und jungen Menschen in den kommenden Jahren deutlich verschlechtern. Auf 100 Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren kommen derzeit 40 Menschen, die über 60 Jahre alt sind. Bis zum Jahr 2030 wird sich dieser Anteil verdoppeln, dann sind es 81. Besonders die sehr alten Menschen werden immer mehr.

Für Wissenschaftler wie den Mannheimer Professor Axel Börsch-Supan ergibt sich aus den Studien das Problem, dass die umlagefinanzierte Rentenversicherung künftig nicht mehr ausreicht. Schon jetzt würde der Rentenbeitrag nicht bei 19,5 Prozent liegen, sondern bei 27 Prozent. Der Grund: Ein immer höherer Anteil der Steuereinnahmen - etwa durch die eingeführte Ökosteuer und die Erhöhung der Mehrwertsteuer - wird für die Rentenversicherung benutzt.

Dieses Geld müssten ebenfalls die Arbeitnehmer tragen. Börsch-Supan fordert deshalb eine Ergänzung des derzeitigen Umlageverfahrens durch ein Kapitalstocksystem. Die Doppelbelastung der jüngeren Generation hält er für "unbegründet". Denn eine kurzfristige Belastung würde schon bald durch eine langfristige Entlastung wettgemacht. "Je nach gewähltem Übergang kommt es bereits für die Geburtsjahrgänge ab etwa 1961 zu Entlastungen", rechnet der Wissenschaftler vor. Und: Ab 1990 Geborene müssten etwa 230 Mark weniger für die Altersvorsorge aufbringen gegenüber dem Fall, dass der Teilübergang zum Kapitaldeckungsverfahren nicht vollzogen würde, sagte Börsch-Supan.

Andere Experten kritisieren die Umstellung der Rentenversicherung von einem Umlage- zu einem Kapitalstocksystem vor allem, weil jüngere Menschen für das derzeitige und für das künftige System zahlen müssten. Auch die Folgen für den Kapitalmarkt hält Börsch-Supan für gering. Selbst wenn mehr Menschen ins Rentenalter kommen würden und dann ihre Aktienpakete auflösen müssten, würde das nicht zu einem Crash an den Aktienmärkten führen. Denn die Verbraucher hätten bei ihrer privaten Altersvorsorge nur etwa 16 Prozent des Produktivkapitals.

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