Politik : Versöhnen als Grundüberzeugung

Das oft zitierte - und gelegentlich ironisierte Wort "Versöhnen statt spalten", mit dem Johannes Rau 1987 als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zog, war keiner der oft eilfertigen Gags aus der politischen Formelproduktion.Tatsächlich beschreibt es die Grundüberzeugung eines Mannes, der nicht von ungefähr mit respektvoll spöttischen Beinamen wie "Bruder Johannes" belegt wird.Wenn er jetzt - zum zweiten Male - zur Bundespräsidentenwahl in Berlin antritt, so liegen 30 Jahre zurück, seit sein politischer Ziehvater Gustav Heinemann hier als erster und bisher einziger Sozialdemokrat dieses Amt gewann.

Dem am 16.Januar 1931 geborenen ehemaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und amtierenden stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden wird die Gabe der Integration in hohem Maße zugesprochen; immer hat er Schwankende auf seine Seite zu ziehen vermocht.Dabei kommt ihm auch die Fähigkeit zur suggestiven Rede zugute.Er zählt zu den Politikern aus der alten Bundesrepublik, die sich nie haben verbiegen lassen oder mit einem bestimmten Image wappneten.Der im Westen der Republik geprägte Politiker hat einmal gesagt, er fühle sich stark zur Übernahme eines Amtes, in dem es darauf ankäme, "den brüchig gewordenen Mörtel wieder zu festigen, damit das gemeinsame Haus zusammenhalten möge".Hier drückt sich, abseits jener oft bei ihm spürbaren burschikos anmutenden Heiterkeit, Sorge um den Bestand der Gesellschaft aus.

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