Verstorbener Kameramann : Der amerikanische Traum des Michael Ballhaus

Als junger Mann war Hollywood sein Traum. Dann öffneten sich ihm in den USA die Türen. Doch nach 9/11 erkannte Michael Ballhaus das Land nicht wieder - und vertraute auf die Kraft des Neubeginns.

Michael Ballhaus
Michael Ballhaus
Bei der Arbeit. Kameramann Michael Ballhaus am Set von "Something's gotta give".Foto: defd

Warum ist Amerika für so viele Menschen ein großer Traum?

Bevor ich nach Amerika ging, waren für mich die USA vor allem ein Land, in dem unglaublich tolle Filme gemacht werden. Hollywood, das war mein Traum, und meine Eltern waren nicht ganz unschuldig daran: Als meine Schwester Nele und ich klein waren, ließen sie für uns von einem berühmten Berliner Astrologen ein Horoskop anfertigen. Das ist im Krieg verloren gegangen, aber meine Eltern haben mir erzählt, in meinem habe gestanden, ich würde einmal einen künstlerisch-technischen Beruf ergreifen, über den großen Teich gehen und dort erfolgreich sein. Das hat man als Junge so im Kopf und denkt sich – mal gucken, vielleicht stimmt es ja.

Aber dass mein amerikanischer Traum tatsächlich in Erfüllung gegangen ist, liegt an vielen tollen Eigenschaften, die es in Amerika gibt. Ich habe 1983 meinen zweiten Film in den USA gedreht. „Baby it’s you“ mit dem Regisseur John Sayles war meine erste durch und durch amerikanische Produktion und meine erste richtige Begegnung mit Amerika. Zum ersten Mal arbeitete ich ganz ohne andere Deutsche und hatte plötzlich Bedenken: Vielleicht würden wir anders fühlen, anders denken, oder es würde mit den Bildern Schwierigkeiten geben. Ich bekam sogar Probleme mit meinem Arm – das macht der Kopf dann halt so. Aber nach einer Woche war das vorbei, denn etwas Fantastisches war eingetreten: Ich hatte das Gefühl, John Sayles und ich würden uns schon ewig kennen. Wir hatten dieselben Ideen, sagten zur selben Zeit das Gleiche. Da hat sich für mich eine Tür in eine neue Welt geöffnet. Ich merkte, Donnerwetter, hier leben Menschen, die ganz ähnlich fühlen und denken wie wir und mit denen man sehr gut arbeiten kann.

Außerdem hat man in Amerika oft mehr Chancen als anderswo. Die Amerikaner sind Menschen gegenüber offener. Wenn jemand etwas sehr gerne machen möchte und dafür eine Position frei ist, kriegt er eine Chance. Macht er es dann gut, kann er weiterkommen. Macht er es schlecht, wird er gefeuert. Dadurch können viel mehr Menschen ihre Fähigkeiten zeigen. Es kommt auch nicht so sehr darauf an, was jemand vorher gemacht hat. Ein früherer Oberbeleuchter von mir hat an der Universität von New York Film studiert und wurde ein bekannter Kameramann. Solche Karrieren gibt es in Deutschland wenige. Hier ist ein Beleuchter ein Beleuchter, und der hat Elektriker gelernt. In Amerika sind die Übergänge fließender, weicher. Und es gibt weniger Neid. Wenn jemand Erfolg hat, freuen sich die anderen, weil sie sich sagen: Wenn der Erfolg hat, kann ich auch Erfolg haben. Wenn ich Amerikaner bin, kann ich auch Präsident werden – das ist die Einstellung.

Selbst Amerikaner werden wollte ich aber nie. Meine Wurzeln, mein Sprachraum sind hier in Deutschland. Auch speziell der Sprachraum meiner Frau war hier. Deshalb sind wir nach jedem Film für einige Zeit wieder nach Hause gefahren – in unsere Wohnung in Berlin.

Gibt es etwas, das die amerikanische Gesellschaft trägt - trotz aller Unterschiede?

Ich glaube, was diese Millionen Menschen verbindet, ist ihr Stolz auf ihr Land und ihr Stolz darauf, Amerikaner zu sein. Sie sind wirklich sehr patriotisch. Deshalb funktioniert auch ein Film wie „Air Force One“, bei dem lustigerweise der Deutsche Wolfgang Petersen die Regie hatte, in den USA so gut. In dem Film wird der Präsident, den Harrison Ford spielt, samt der Präsidentenmaschine Air Force One von heimtückischen Ex-Sowjet-Offizieren gekidnappt. Alles ist hochdramatisch, geht aber letztlich gut aus. Der Film war in Amerika ein großer Erfolg, der damalige Präsident Bill Clinton hat ihn mehrmals gesehen und extra seinen Mitarbeitern gezeigt. In Deutschland dagegen wurde „Air Force One“ sehr kritisch aufgenommen. Der Regisseur Tom Tykwer, den ich sehr schätze, hat mich deshalb regelrecht beschimpft. Naja, ich habe dann versucht zu erklären, dass es eben ein amerikanischer Film ist!

Außerdem trägt dieses Land, vielleicht, weil es noch so jung ist, immer noch diese Siedlermentalität in sich – man hilft sich gegenseitig und arbeitet zusammen, um weiterzukommen. Ich habe das im Kleinen bei meinen Nachbarn in Los Angeles gemerkt, genauso wie im Großen in meinem Beruf: In Deutschland bin ich Kameramann, in den USA Director of Photography, also Bildregisseur. Das hört sich nicht nur anders an, sondern bedeutet auch mehr Verantwortung. Zum Beispiel, weil man mit einem Regisseur zusammenarbeitet, der bisher als Schriftsteller gearbeitet hat und möglicherweise noch keine Ahnung vom Film hat. Der vertraut dann nicht nur darauf, sondern ist geradezu darauf angewiesen, dass man flexibel reagiert und Ideen einbringt. Teamwork ist da essenziell.

An einem amerikanischen Set arbeiten der Regisseur, der Production Designer, der Editor, der Autor, der Produzent und der Kameramann alle zusammen, alle wollen denselben Film machen. In Deutschland – auch wenn sich hier inzwischen einiges geändert hat – dominiert, glaube ich, der Regisseur. Ich habe deshalb immer daran gezweifelt, dass jemand wie Rainer Werner Fassbinder, mit dem ich viel gedreht habe, in Amerika hätte erfolgreich sein können. Er war kein Teamarbeiter, im Gegenteil. Er war der Boss und war von seinen Mitarbeitern nicht abhängig. Das ist in Amerika anders.

Allerdings gibt es in dem Land eben auch enorme Unterschiede. Die Staaten in der Mitte, das Heartland, sind ein ganz anderes Amerika als Ost- und Westküste. Als ich einen Film in den Südstaaten drehte, habe ich gemerkt, dass die Leute dort immer noch an den Bürgerkrieg denken, als sei der gerade erst vor 30 Jahren zu Ende gegangen. Die Menschen sprechen noch von den „damned Yankees“: We need them, but we don’t like them – die verdammten Nordstaatler: Wir brauchen sie, aber wir mögen sie nicht. Da fragt man sich schon, wo sind wir hier eigentlich?

Diese Menschen wissen wenig darüber, was in der Welt passiert. Sie sind leicht mit Religion zu ködern und leicht zu belügen. Genau das hat Präsident George W. Bush mit seinem Religionsverständnis getan und indem er ständig das Gespenst des Terrors und die Bedrohung durch den Irak an die Wand gemalt hat. Gerade in diesem Teil Amerikas gibt es auch noch viel Rassismus. Wenn ich daran denke, bekomme ich große Sorge, ob Barack Obama diese Wahl tatsächlich gewinnen kann.

Wie sehr hat sich Amerika in den vergangenen Jahren und besonders seit dem 11. September verändert?

Mit den Anschlägen vom 11. September ist dieses hundertprozentige Vertrauen verloren gegangen, dass die Nation unangreifbar ist. Dass da vier Flugzeuge losfliegen und tun, was sie getan haben, war unvorstellbar für die Amerikaner. Dieser Schock sitzt ganz tief, und ohne ihn hätte Herr Bush auch keine zweite Amtszeit bekommen.

Amerika war ja nach diesen schrecklichen Attentaten kein demokratisches Land mehr – es war absolut unmöglich, etwas gegen Herrn Bush oder gegen den Krieg im Irak zu sagen. Das Einzige, was zählte, war, das Land wieder sicher zu machen.

Ich habe das in meiner eigenen Familie erlebt. Mein einer Sohn Florian ist mit einer wunderbaren Amerikanerin verheiratet, sie haben zwei zauberhafte Töchter. Selbst im Gespräch mit meiner amerikanischen Familie gab es aber Grenzen, die ich besser nicht überschritten habe. Man kann es sich kaum noch vorstellen, aber damals hatten viele Leute tatsächlich Angst, als Nächstes könnte Saddam Hussein eine Atombombe über Amerika abwerfen.

Ich selbst habe, als die Nachricht von den Attentaten im Fernsehen kam, hier in Berlin zusammen mit Tom Tykwer an unserem Buch „Das fliegende Auge“ gearbeitet. Es war ein unglaublicher Schock, allein schon, weil meine Frau und ich zuerst nicht wussten, wie es Florian und seiner Familie ging. Als ich dann das erste Mal nach dem 11. September nach New York zurückkam, war das eine andere Stadt. Viele Restaurants hatten Pleite gemacht, weil die Leute nicht mehr zum Essen gingen. Alle Menschen waren sehr vorsichtig und sehr verunsichert. Es dauerte mindestens ein Jahr, bis sich das Leben auf der Straße, in den Geschäften wieder normalisiert hatte. Ganz verschwinden aber wird diese Angst nie mehr.

Die Anschläge waren ein Wendepunkt in Amerikas Geschichte, die Reaktion darauf hat für mich aber auch etwas Uramerikanisches. Die Gesellschaft ist gewaltbereit, das hat auch wieder etwas mit dieser Siedlermentalität zu tun. Einmal habe ich enge Freunde und Mitarbeiter gefragt, ob sie zu Hause eine Waffe hätten, viele sagten ja. Und es war klar, sie würden sie auch nutzen!

Dass aus Gewalt neue Gewalt entsteht, diese Einsicht ist nicht existent in Amerika. Dort darf ich jemanden erschießen, wenn er sich auf meinem Grund und Boden befindet und mich bedroht. In dem Moment, in dem das Land angegriffen wird, ist die Reaktion darauf ganz ähnlich wie bei so einem Einzelnen. Der Angreifer wird kaputt geschlagen und getötet. Dieser Gedanke der Vergeltung steckt ganz tief in der Gesellschaft. Das ist schon anders als bei uns.

Wie verschieden sind Amerika und Europa, und wie sieht die gemeinsame Zukunft aus?

Kritik an Amerika hat es in Deutschland und in Europa immer wieder gegeben – speziell zu Zeiten des Vietnamkrieges. Jetzt, seit Herr Bush an der Regierung ist, hat sich das noch einmal verstärkt. Aber wer die Amerikaner mit ihrem Präsidenten gleichsetzt, macht einen Fehler. Die Amerikaner sind nicht Herr Bush, und sie sind auch nicht die Regierung.

Die Amerikaner sind uns sogar sehr nahe. Das spürt man schon bei den jungen Leuten: Es gibt kaum einen Jugendlichen, der nicht in Amerika war oder einmal dorthin will. Von meinen Filmstudenten träumen viele von Hollywood. Die Musik, die Kultur, alles beeinflusst uns, Deutschland ist der zweitgrößte internationale Markt für amerikanische Filme! Überhaupt sind wir Deutschen nach dem Krieg sehr, sehr stark durch Amerika geprägt worden. Wo wären wir denn heute ohne Marshall-Plan und ohne Luftbrücke – ganz besonders die Berliner?

Für die intelligenten Amerikaner wiederum ist Europa eine wichtige Kulturnation, schließlich haben ganz viele von ihnen ihre Wurzeln dort. Wenn ich einen Film gedreht habe, haben mir die Leute immer als Erstes erzählt, wo ihre Verwandten herkommen – aus Polen, aus Russland, aus Frankreich oder aus Deutschland. Weil viele von ihnen aus Europa stammen, fühlen sie auch eine starke Bindung dorthin.

Amerika ist eine Nation mit ungeheuren Unterschieden, die es so drastisch in Europa nicht gibt. Einerseits gehen die meisten Nobelpreise in die USA, ich habe dort die wunderbarsten, intelligentesten Menschen kennengelernt. Andererseits ist in großen Teilen des Landes der Unterschied zwischen den Intelligenten und den Dummen, Ungebildeten sehr viel größer als zum Beispiel in Deutschland. Dass selbst manche Politiker nicht an die Evolution glauben, ist für uns unbegreiflich und ein echter Schock.

Vielen der einfachen Menschen kann man das nicht zum Vorwurf machen. Wenn es in manchen Landstrichen keine Arbeit gibt, das Geld fehlt und die Chancen, zu lernen, schlecht sind, dann sind die Menschen auch leicht zu beeinflussen. In Deutschland ist das nicht viel anders. Für mich hat deutsche Voreingenommenheit gegenüber den Amerikanern auch ein bisschen etwas mit Unwissenheit zu tun.

Auf keinen Fall aber werden sich Amerika und Europa weiter auseinanderentwickeln. Wir brauchen die Amerikaner, und die Amerikaner brauchen uns. Allein schon, was die Wirtschaft betrifft, das sieht man ja jetzt in der Finanzkrise. Würde Amerika ökonomisch zusammenbrechen, ginge uns das genauso an. Wir müssen eben zusammenstehen.

Was wünschen Sie den Amerikanern?

Ich wünsche den Amerikanern, dass Barack Obama ihr nächster Präsident wird. Und Barack Obama wünsche ich, dass er dann die besten Berater der Welt hat, um diese Nation wieder auf die Beine zu kriegen. Das wird eine unglaubliche Aufgabe sein. Eigentlich hätten die Republikaner es ja verdient, das von ihnen angerichtete Schlamassel selbst auszubaden – dieses große Land ist gerade in seinem Inneren ziemlich schwach.

Aber das Wunderbare an den USA ist: Amerika hat eine große Kraft der Erneuerung. Wenn das Land diese Kraft von seinem Präsidenten bestätigt bekommt, haben die Amerikaner auch immer eine Chance, das Ruder herumzureißen und etwas Neues zu beginnen.

Aufgeschrieben von Ruth Ciesinger.

MICHAEL BALLHAUS: ZUR PERSON

LEBEN

Michael Ballhaus kam am 5. August 1935 in Berlin zur Welt. In der Nacht zum 12. April starb er ebendort in seiner Wohnung.

KARRIERE

Bevor Michael Ballhaus Anfang der 80er in die USA ging, hatte er als Kameramann bereits mit praktisch allen deutschen Spitzenregisseuren zusammengearbeitet, unter ihnen Peter Lilienthal und Peter Stein. Ballhaus und Rainer Werner Fassbinder, mit dem er Filme wie „Die Ehe der Maria Braun“ drehte, wurden als Starteam des deutschen Films gerühmt. Zum international gefeierten Director of Photography wurde Ballhaus in den USA. Er drehte dort fast 40 Filme, darunter „Gangs of New York“, „The Fabulous Baker Boys“, „Wild Wild West“, „Outbreak“ und „Bram Stoker’s Dracula“. Legendär ist die Zusammenarbeit mit Starregisseur Martin Scorsese. „After Hours“ war 1985 ihr erster gemeinsamer Film, mit Scorseses oscarprämiertem Werk „Departed“ beendete Ballhaus seine Karriere in den USA.
FAMILIE

Michael Ballhaus war bis zu ihrem Tod mit der Schauspielerin und Produzentin Helga Ballhaus verheiratet. Er hatte zwei Söhne.

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