Verteidigung : Nato: Gipfel der Unruhe

28 Staats- und Regierungschefs feiern den Geburtstag des Verteidigungsbündnisses. Das Protokoll lässt ihnen aber kaum Zeit.

Ingrid Müller

Die Hundertschaften von Protokollbeamten, die den ersten Nato-Gipfel in zwei Ländern vorbereiten, werden Samstagnachmittag vermutlich mindestens dreimal drei Kreuze machen. Denn sie müssen die Vorstellungen der Nato, der Gastgeber Deutschland und Frankreich sowie die Wünsche der Amerikaner unter einen Hut bringen. Und da auch allerlei Eitelkeiten eine Rolle spielen, sind nicht nur die Diplomaten gut beschäftigt, die seit Monaten diverse Dokumente vorbereiten, die die dann 28 Staats- und Regierungschefs am Freitag und Samstag besprechen und schließlich absegnen sollen.

Noch bis zuletzt werden Programmpunkte hin- und herjongliert, werden kleiner und manchmal wieder größer. Dass der wichtigste Gast der US-Präsident auf seiner ersten Europareise sein wird, aber der, der sich am wichtigsten nehmen möchte, der Präsident von der Seine ist, macht die Vorbereitung zum 60. Geburtstag der Allianz nicht eben einfacher.

Zunächst einmal hat Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer seine Pläne geändert. Er wollte ursprünglich am Freitagmittag auf dem Nato-Jugendgipfel in Straßburg reden. Dort wird Scheffer nun bereits am Donnerstagabend erwartet. Denn Freitagmittag soll die Bühne Straßburg US-Präsident Barack Obama gehören. Bei einem „townhall meeting“ sollen auch ausgewählte Bürger den Star aus Amerika treffen. Sarkozy wird den Gast im Stadtschloss Palais Rohan empfangen. Dort haben sie längst spezielle Sicherheitsfenster einbauen lassen.

Anschließend geht es für Obama flugs gen Baden-Baden. Dort soll am Abend der Jubiläumsgipfel eröffnet werden. Ein paar Stunden vorher aber wird Kanzlerin Angela Merkel den amerikanischen Präsidenten vor dem Rathaus mit militärischen Ehren empfangen, dann rasch der Eintrag ins Goldene Buch – und das ersehnte bilaterale Gespräch. Ob rundherum auch ein paar Bürgerhände geschüttelt werden? Allzu viel Zeit bleibt Merkel und Obama nicht, denn beide Politiker sollen noch die Öffentlichkeit über ihre Zusammenkunft informieren, bevor die Gastgeberin ins Kurhaus eilt,. Dort wird sie ab halb sechs die anderen Gipfelgäste im Foyer begrüßen – gemeinsam mit Sarkozy und dessen Frau Carla Bruni.

Entspannung pur – nicht beim Spiel und nicht in den gerühmten Bädern, sondern stilvoll mit Deutschlands Stargeigerin ist zum Auftakt des offiziellen Teils des Nato-Treffens vorgesehen, das nur einen Abend und einen Vormittag dauern wird, sechs Arbeitsstunden grob gerechnet. Anne-Sophie Mutter, begleitet am Piano, wird die 28 Staats- und Regierungschefs einstimmen – die beiden Neuen aus Albanien und Kroatien werden schon dabei sein. Anschließend wartet das auf knapp drei Stunden veranschlagte Galadinner, bei dem die ersten Themen gleich mit auf den Tisch kommen. Gespeist wird in drei Portionen: die Chefs im Florentiner Saal, die Verteidigungsminister im Benazet- Saal, die Minister des Äußeren sind nach nebenan in ein Nobelhotel gebeten. Auch für die Delegationen gibt es „eine Sause“ – im Kongresszentrum.

Da sich Proporz bei solchen Gelegenheiten immer gut macht, übernachtet die Hälfte der Gäste in Baden-Baden, die andere in Straßburg. Für alle aber wird die Nacht recht kurz. Denn schon vor 9 Uhr am anderen Morgen werden sie in Kehl erwartet. Dort überspannt die sogenannte Passerelle des deux Rives den Rhein und verbindet Deutschland und Frankreich. Ursprünglich war Kehl als Pendant zu Straßburg vorgesehen, aber der Ort erwies sich rasch als nicht repräsentativ genug. Die Brücke aber ist es. Hier werden sich alle Nato-Partner von deutscher Seite aus zu Fuß auf den Weg machen.

Bis auf den einen: Sarkozy wird allein von französischer Seite aus dem Tross entgegenkommen – mit offenen Armen. Kommt da Frankreich zurück in die militärischen Strukturen der Nato oder die Nato zurück nach Frankreich? Eine Flugstaffel wird die Szenerie einrahmen und blau- weiße Kondensstreifen in den Morgenhimmel ziehen – die Nato-Farben.

Auf einem Plateau in der Mitte der Brücke, dort wo die Staatsgrenze verläuft, soll nur kurz ein Erinnerungsfoto gemacht. Stören sollte dort auf der „hängenden Insel über dem Strom“ (Stadt Kehl) niemand: Der Rhein ist extra gesperrt, die nächsten Anwohner in ihren Häusern eingesperrt. Trotzdem geht es rasch weiter zur Militärzeremonie auf die französische Seite. Soll das offizielle Gruppenfoto wirklich nur wegen des Windes an Land gemacht werden, damit die Frisuren auf dem Jubelbild nicht allzu zerzaust sind? Auch da dürfte die Sicherheit wohl ein Wörtchen mitgeredet haben. Schließlich muss selbst der amerikanische Präsident die rund 270 Meter übers Wasser ohne sein gepanzertes Auto – genannt Biest – auskommen. Die Passerelle ist eine Fußgängerbrücke.

Allzu lang halten sich die Mächtigen der Nordatlantischen Allianz ohnehin auch in der Gartenlandschaft bei der Militärzeremonie am französischen Ufer nicht auf. Schon um zehn Uhr sollen die rund drei Gipfelstunden im Straßburger Kongresszentrum beginnen.

Da muss es dann Schlag auf Schlag gehen, denn die Welt soll ja auch Inhalte von dem Militärbündnis präsentiert bekommen. Zum 60. Jahrestag wird Frankreich komplett in die Allianz zurückkehren. Nach verschiedenen Querelen werden Kroatien und Albanien als neue Mitglieder willkommen geheißen. Die Nato wird sich zu Afghanistan positionieren, über ihr Verhältnis zu Russland reden und eine neue Strategie für das Bündnis in Auftrag geben. Ach ja, einen Nachfolger für Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer wollen die 28 möglichst auch noch benennen.

Von all den Strapazen können sie sich bei einem französischen Essen erholen, bevor am Samstagnachmittag schon alles wieder vorbei ist. Zeit für die Kreuze.

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