Vertriebenentreffen : Stoiber kritisiert Prag wegen Haltung zu Sudetendeutschen

Vertriebenenverbände und der bayerische Ministerpräsident Stoiber dringen auf die Einrichtung eines Zentrums gegen Vertreibung. Außerdem nahm Stoiber die Sudetendeutschen gegen Kritik des tschechischen Staatschefs in Schutz.

Augsburg - Vaclav Klaus liege falsch mit seiner Äußerung, das "wahre Ziel" der Sudetendeutschen sei eine Störung der deutsch-tschechischen Beziehungen, sagte Stoiber unter dem Beifall von mehreren tausend Heimatvertriebenen bei der Hauptkundgebung in Augsburg. "Das Gegenteil ist der Fall." Zugleich forderte der CSU-Vorsitzende die Einrichtung eines Zentrums gegen Vertreibung in Berlin - dies sei ein "nationales Anliegen" für Deutschland.

Das weiterhin schwierige Verhältnis von Sudetendeutschen und Tschechen zeigte sich auch in der Absage des Prager Ministerpräsidenten Mirek Topolanek, der die Einladung zum Augsburger Treffen ausgeschlagen hatte - seine Anwesenheit bei dem Vertriebenentreffen würde zur Verbesserung des deutsch-tschechischen Verhältnisses nichts beitragen. Der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt, forderte einen Runden Tisch mit Vertretern der tschechischen Regierung, die bislang stets das direkte Gespräch mit den Sudetendeutschen abgelehnt hatte.

Stoiber will "fairen Dialog ohne Vorbehalte"

Stoiber bezeichnete die so genannten Benes-Dekrete als nicht zu tolerierendes Unrecht. Auf der Grundlage der zum Teil bis heute geltenden Dekrete waren die Sudetendeutschen nach 1945 aus ihrer Heimat vertrieben worden. "Die Benes-Dekrete sind mit dem Recht, dem Geist, und der Kultur Europas nicht vereinbar", sagte Stoiber. Zu den Fundamenten der Europäischen Union gehörten Menschenrechte, Freiheit, Gerechtigkeit und das Recht auf Heimat. Darauf lasse sich die Zukunft Europas aufbauen, nicht auf Vertreibungs-Dekreten. Stoiber bot der tschechischen Seite einen "fairen Dialog ohne Vorbehalte" zur Klärung der offenen Fragen an. Die "ausgestreckte Hand" sei aber bisher von Tschechien nicht ergriffen worden.

Stoiber kündigte an, er werde sich mit Hessen finanziell an einer Patenschaft für ein Zentrum gegen Vertreibung in Berlin beteiligen. Flucht und Vertreibung seien lange Zeit in Deutschland mit einem Tabu belegt worden. Die Erinnerung daran wach zu halten, sei Teil der deutschen Geschichte.

Stewens fordert Einführung eines nationalen Gedenktags

Auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der am Samstag den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen erhalten hatte, sprach sich für die Einrichtung des Zentrums in Berlin aus. "Wir müssen den Mut haben, über diesen Teil der Geschichte zu sprechen." Man könne nicht über die Vertreibung in der Welt reden, ohne die Vertreibung im eigenen Land zu thematisieren. Koch war für seine Verdienste und sein Engagement für die Sudetendeutschen geehrt worden. Bayerns Sozialministerin Christa Stewens (CSU) forderte die Einführung eines nationalen Gedenktags für die Vertriebenen am 5. August in Erinnerung an die Unterzeichnung der Charta der Vertriebenen am 5. August 1950 in Stuttgart.

Zum 58. Sudetendeutschen Tag unter dem Motto "Wir Sudetendeutschen - Brücke zur Heimat" kamen nach Angaben der Veranstalter rund 40.000 Besucher, darunter eine jüdische Delegation aus Jerusalem, Vertreter der sudetendeutschen Landsmannschaft aus New York und zahlreiche Gäste aus Tschechien. (tso/dpa/AFP)

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